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Michael Winterhoff sieht die Kindheit durch die Erziehungswege der Eltern gefährdet.

Über Erziehung lässt sich streiten. Und dennoch sind sich in Deutschland die meisten Eltern darüber einig, dass  sich Gewalt negativ auf die persönliche Entwicklung des Kindes auswirkt. Doch diese Ansicht wirkt sich bei rund der Hälfte der Eltern nicht auf den Alltag aus. Denn 40 Prozent der Eltern schlagen nach Umfragen der Forsa Studie im Zweifelsfall dann doch einmal zu. Die Betonung ist hier auf „Zweifel“ zu setzen, denn keine der befragten Eltern taten dies aus Überzeugung. Es ist von einer großen Dunkelziffer zuschlagender Eltern auszugehen. Da Gewalt in der Erziehung in unserer Gesellschaft ein Tabu-Thema ist und die Fähigkeit und Glaubwürdigkeit der Eltern gefährdet, kommen nur wenige brisante Fälle an die Öffentlichkeit. Immerhin geht aus der Studie hervor, dass die meisten Eltern im Anschluss mit dem schlechten Gewissen ringen. Es werden in Heilerziehungseinrichtungen  sogenannte „Elternkurse“ angeboten die sich mit Situationen der „Kindesgefährdung“ befassen und Eltern auf besonders schwierige Situationen vorbereiten. Die Häufigkeit der Gewalt wird vom schwierigen Kind wie auch von den überforderten  Eltern  geradezu provoziert. Die Entwicklungen in dem sich immer weiter  verändernden Familienbild,  decken sich mit den für unser Land signifikanten  sozialgesellschaftlichen Merkmalen wie hohe Scheidungsquote, wachsende Berufstätigkeit  beider Elternteile, fehlende Medienkompetenz, Aufmerksamkeitsdefizite. Die Erziehung in Deutschland wird von zugewanderten Menschen oft als lasch und inkonsequent beschrieben. Sie würde nicht klar vermitteln wer das Sagen hat und würde somit Eltern und Kinder gleichsetzen. Dadurch würden Kinder an nötigen, moralischen und kulturellen Schwerpunkten „vorbeierzogen“. So kann man in einem Gastbeitrag eines Migranten  auf deutsch-werden.de lesen:

Wir überlegen, ob wir Deutschland doch nicht verlassen. Die Kinder hier sind respektlos gegenüber Eltern und ältere Menschen. Noch schlimmer sind sie zu Lehrern. Sie werden zu frei erzogen und sind dadurch sehr egoistisch. Sie sind oberflächlich und Spaß-orientiert. Mit 12 oder 13 fangen sie schon mit Sex und Alkohol an. Doch der Krieg in unserer Heimat hält uns hier.

Nicht alle nehmen unsere gesellschaftlichen Zustände so dramatisch wahr. Aber dennoch gibt es eine übergreifende Tendenz in eine solche Richtung. Viele Eltern aus südlichen und asiatischen Räumen propagieren eine hierarchisch ausgerichtete Erziehung. Die „ das Kind ist ein Kind“ Politik ist demnach der Faden der sich bis zu Volljährigkeit zieht. Doch zu solch temperamenten Umgangsweisen können sich die meisten Eltern nicht überwinden. Viel zu sehr hat sich der falsch verstandene Begriff der freien Entfaltung in die Köpfe übervorsichtiger Eltern eingebrannt.

Der Kinderpsychiater  Thomas Winterhoff geht in seinem Buch  Warum unsere Kinder Tyrannen werden, oder Die Abschaffung der Kindheit, auf den seiner Ansicht nach ungeeigneten Umgang mit den Kindern ein. Demnach dürfe man Kinder nicht wie kleine Erwachsene behandeln. Auf diese Weise werde das Kind zum Teil des Erwachsenen, wodurch das Mächteverhältnis durcheinander gebracht werde. Für die gesunde Entwicklung sei die Wahrnehmung einer klaren Rollenverteilung notwendig.

Michael Winterhoff sagt auch: „Wenn wir nicht bald anders handeln, wird unsere Gesellschaft ihre Kinder hassen!“ Er zeigt in seiner Analyse, warum es wichtig ist, in der Erziehung die psychische Entwicklung von Kindern in den Mittelpunkt zu stellen. Der emotionale Missbrauch unserer Kinder unter dem Deckmantel eines partnerschaftlichen Umgangs wird zur Anfrage an die kulturelle Lebensfähigkeit unserer Gesellschaft.

Eine viel härtere Linie vertritt die amerikanische Jura Professorin AmyL. Chua. Mit ihrem 2011 erschienen autobiographischem Buch Battle Hymn oft he Tiger Mother  entzündete sie eine scharf geführte Debatte in der Öffentlichkeit. Sie belegte mit ihrem Werk die in der breiten Masse vertretenen Klischees über die Erziehung in China. Seit dem werden Debatten über die Bedeutung außergewöhnlicher Leistungen  und deren Sinn im Zusammenhang mit erzieherischen Zielen geführt. Die meisten Menschen sind über strenge Eltern empört, aber das sind nur diejenigen die selbst keine Kinder haben. Die Wende kommt mit dem ersten Kind. Und wenn das Kind Probleme in Kindergarten oder Schule macht,  wird man hineingezogen in einen Sog aus Ärger, Verzweiflung, Vorwürfen und Kritik. Dabei geriet man sehr schnell in die Zielscheibe der Ämter und Nachbarn. Die wenigsten verstehen den nahezu unüberwindbaren Alltag mit einem Problemkind nicht. Gerade aus diesem Grund kommt bei vielen betroffenen Eltern das Gefühl  ausgegrenzt zu sein und zum Einzelfall zu gehören. Ein Problemkind kann eine Familie schnell wie eine „Assi-Familie“ aussehen lassen. Gesunde Kinder gehören inzwischen  zum Phänomen der sozialen Anerkennung. Es liefert ein Charakter-und Sozialbild, welches unmittelbar mit den Eltern in Verbindung gebracht wird. Fälschlicherweise  werden aus solcherlei  Problemen Rückschlüsse auf das soziale Leben der Eltern gezogen. Problemkinder gleich Problemeltern.

Dennoch sollten Eltern ein individuelles Erziehungsprogramm befolgen. In Deutschland versucht man gerade die Erziehung in allen Häusern normativ anzugleichen. Der Staat mischt sich in alle Angelegenheiten ein. Oft fühlen sich Eltern eher wie Marionetten als selbstständige Erwachsene.  Doch jedes Problem ist so individuell wie das Kind selbst und nur Eltern sind die wirklichen Profis. „Vom Tisch weg“ sollte das Jugendamt hier nichts machen. Eine Mutter lässt uns wissen, dass ihr sogar verboten wurde ihr Kind vorrübergehend ins Zimmer zu sperren. Aber was soll sie tun, wenn das Kind brüllt und anfängt mit Gegenständen zu schmeißen und die Situation von Eltern und Kind gefährdet? Heilpädagogische Tagestätte dürfen Kinder in besonders schweren Fällen sogar  von der Einrichtung verweisen. Dann beginnt für Eltern die nervenaufreibende Suche nach einem passenden Kindergarten. Kliniken, Ämter und Einrichtungen müssen konsultiert werden und alle brauchen voneinander Papiere und Nachweise. Es gibt keine Instanz die alles verbindet. Die Eltern bekommen oft als Rat eine Liste davon was sie nicht machen dürfen .Dabei sind es die Kinder die immer problematischer werden. Reizüberflutung durch Medien, Unterhaltungselektronik und  Aufmerksamkeitsdefizite. Viele Kinder spüren auch wie sehr sie durch Jugendamt und Einrichtungen in die Mitte gestellt werden. Von alles und jedem werden sie geschützt. Vielleicht werden sie gerade dadurch zu egoistischem Verhalten verleitet. Vielleicht aber auch nicht. Die Antwort würde womöglich eine neue Diskussion auslösen.

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