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Noch vor zehn Jahren sahen sich viele Deutsche in ihrer gesellschaftlichen Ordnung durch die türkischen Vereine massiv bedroht. Es machten sich rassistische und nationalistische Gruppierungen breit, die den Vorstellungen einer erfolgreichen Integration völlig entgegenstanden. Kennzeichnend war und ist noch die antijüdische – und amerikanische Haltung und die Propagierung  zur Rückkehr nach Turan, der zentralasiatischen Urheimat der Türken. Diese Entwicklung wurde durch die Konflikte, welche seit dem 11. September ihren Auftrieb genommen hatten im Zusammenspiel mit den ohnehin vorhandenen Integrations- und Kommunikationsschwierigkeiten weiter verstärkt.  Daneben hatte sich ein neuartiges Selbstbewusstsein unter jungen türkischen Migranten gefestigt. Die Argumente für dieses Verhalten waren immer öfter politischer Natur. Dabei war den  Vertretern dieser nationalistischen Position meist die aktuelle Situation der türkischen Außenpolitik wohl nicht recht bewusst. Die Türkei hat in Wahrheit als erstes muslimisches Land den israelischen Staat anerkannt. Auch lagespezifisch stellt die Türkei für Israel einen enorm wichtigen Verbündeten dar. Das eine solch soziale Entgleisung junger Migranten nur die verzweifelte Reaktion auf  die persönliche Erfolgslosigkeit sein kann, lässt sich leicht ausrechnen. Nun kommt neuerdings zu allem Übel eine weitere besorgniserregende Nebenwirkung, ausgelöst durch die politische Situation der Türkei, hinzu. Und diese Situation scheint wohl die beste Grundlage für wahnwitzige Theorien und endzeitähnliche Geschichten zu sein. Und wenn wir der medialen Panikmache Glauben schenken, spielt die Türkei im bevorstehenden Ende dieser Welt eine maßgebliche Rolle. Der Focus wird nun verstärkt auf die derzeitigen Bestseller gelenkt. Der Fantasy-Roman erlebt in der Türkei  eine Art Revolution und hat wohl sonst nirgendwo einen derartigen Einfluss auf die politische Gemütslage gehabt, wie sie es gerade in der Türkei ist. Unter den jungen türkischen Leuten verbreitet sich eine völlig neue und komplexe Haltung gegenüber der eigenen Heimat. Im Gegensatz zur  Orientierungslosigkeit, welches meist einer gesellschaftlichen Entgleisung und der folgenden Kriminalität vorausgeht, die oft junge Ausländer in Deutschland betrifft, sind hier ganz andere Formen der Sozialisierung für dieses auffällige Phänomen verantwortlich. Und hier wird es klar, welch ausgeklügelte Politik in der Türkei getrieben wird und in wie fern Menschen dadurch desorientiert werden können. Inder Türkei neigt die Jugend zu einem immer mehr dominierenden und beängstigenden Trend, der weit über den Sinn der Lästerei zu einem Glas Tee geht. Politischer Mystizismus findet kaum reale Grenzen und eine wilde Verschwörungstheorie holt die andere ein. So sorgen derzeit die Prophezeiungen des Hellsehers Nostradamus für ein literarisches Erdbeben.

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Der Autor Mahir Sanli enthüllt sie in einem Taschenbuch Prophezeiungen, die auf ein politisches Chaos  apokalyptischen Ausmaßes hindeuten. Die Türkei steuere auf einen innerpolitischen Zusammenbruch,  an dessen Ende sich zwei polarisierende Parteien  bewaffnet gegenüberstehen. Der Autor Hakan Yilmaz Cebi, den man als den türkischen Dan Brown bezeichnen könnte,  schildert in seinem Buch Der Dritte Weltkrieg den Zusammenstoß der drei Supermächte USA, Israel und wie es in ferner Zukunft nach seinem Buch sein wird, der Türkei. Das Buch gehört zu den Bestsellern. Daneben  hat die Ergenekon Legende  längst den Faden zur eigentlichen Geschichte verloren. Nun geht das Gerücht um, dass die Republikaner (CHP), gemeinsame Dinge mit den Erzfeinden der Türkei mache. Gerade solche,  die sich in der Türkei als konservativ und nationalistisch präsentierten, wollten die Regierung stürzen. Dabei hat es die aufstrebende Türkei kaum nötig seine Energie an solch unhaltbaren Theorien zu verschwenden.  Und  der Nationalismus findet Nährboden wie noch nie zuvor. Aber sie ist längst nicht mehr so unangefochten wie sie es jahrelang war. Niemand bleibt unverdächtig. Irgendjemand, so die übereinstimmende Befürchtung im ganzen Land, möchte in der Türkei entweder die Macht an sich reißen, oder aber im schlimmsten Fall sie vernichten. Man stelle sich nur vor, welch enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel die Türkei in seinen  90 Jahren seit der Gründung der Republik durchlebt hat. An die katastrophalen Ausmaße der Inflation kann sich gerade so die die 2. Generation der Türken erinnern, die hier in Deutschland leben. 120 % betrug sie im Jahr 1994. Früher wünschte man sich nichts mehr als ein bisschen mehr Wohlstand. Heute wird die Türkei durch wilde Geschichtenerzähler in den Wahnsinn getrieben. Tatsächlich geht die steile Karriere der Türkei so manchen Köpfen viel zu schnell. Eigentlich war eine solche Entwicklung ja vorauszusehen. Jahrelang verbrachten die nach Europa ausgewanderte Türken ihren Urlaub in der Türkei. Von überall her floss Geld in die Türkei. Ob es nun Urlauber aus Deutschland, Holland, Österreich oder England waren. Es wurden Grundstücke und Häuser gekauft.  Es wurde viel Geld ausgegeben. Akademiker setzten ihrer jahrelangen Sehnsucht ein Ende, in dem sie in die Türkei zurückkehrten. Sie gründeten Firmen machten den wirtschaftlichen Aufstieg der Türkei  international aufsehenerregend.  Lukrative Arbeitsplätze lockten frischgebackene Ingenieure und Chirurgen in die Türkei. Eine mögliche Erklärung für die steigende Zahl renommierter Kliniken in den letzten Jahren.  Hier begegnete man den Hochschulabsolventen mit der verdienten Anerkennung und die Diskriminierung war kein Thema mehr. Von Diskriminierung erzählten viele Akademiker und dennoch verharmloste man das Thema in Deutschland. Aber die Zahl der ausgewanderten Akademiker erzählt eine andere Geschichte. Jedenfalls wurde die Türkei nicht nur reicher, sie wurde auch politisch vielfältiger. Die Jugend verspürt im Gegensatz zu den in Deutschland lebenden jungen Menschen ein starkes Gefühl der Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit und der Gegenwart der Türkei. Dabei schaukeln sich Gruppierungen hoch,  in dem sie immer wieder auf die Vergangenheit der Türkei blicken. Ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein und der Respekt vor den Leistungen der Eltern lösen eine völlig neue Form des Nationalbewusstseins aus, welche sich mit politischen Situationen weltweit und der eigenen Lebenssituation mischt. Daraus ergibt sich eine völlig neue Dynamik,  die eine explosiv-emotionale Haltung birgt. Die türkische Bevölkerung wird durch diesen Elan dazu getrieben, Gedanken und Befürchtungen so schnell wie möglich unter die Menge zu bringen.  So haben sich viele junge Menschen in der Türkei extremistische Gruppierungen angeschlossen und verbringen ihre Zeit damit,  gleichgesinnte Anhänger um sich zu scharen, um eine größtmögliche politische Wirkung zu erzielen. Am Ende steht der aggressive Nationalismus gegenüber den Menschen,  die hinter die Maske dieses patriotischen Verhaltens blicken zu können glauben. Und es sind immer dieselben Stellungnahmen. Die Türkei hat im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs eine buntgemischte und gewillte Gesellschaft zu bieten,  in der sich Gedanken und Ideen zu einer Art theatralischer Aufbruchsstimmung brauen. Niemand möchte Unannehmlichkeiten dulden. Und immer öfter geriet die Fantasie außer Kontrolle. Viele finden es einfach nur spannend. Viele haben die Grenzen aufgehoben und ihrer Sicht damit die gesunde Grundlage entzogen. Und so befindet sich die Demokratie in der Türkei in der embryonalen Phase. Am Ende werden sich die wichtigen Glieder und Organe entwickeln.

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