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von Halil Celiksoy

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Überall wird es erwartet. Der Auszubildende muss Motivation, Flexibilität und Lernbereitschaft zeigen. Viele Jugendliche scheitern an den ersten Anforderungen. Denn zuvor wurden sie vermutlich noch nie auf diese Weise gefordert. Leistung. Das Wort klingt positiv und wird überall begrüßt. Leistung und Durchhaltevermögen. Doch wann genau wird uns die Bedeutung dieses Wortes bewusst? Oder welche Lebenslage verändert unsere Stellung zu diesem Wort? Wenn wir der Überzeugung sind, dass wir viel leisten und darum froh sind, denken wir vielleicht darüber nach, was uns zu dieser Belastbarkeit geführt hat. Wir sind froh den Situationen des Lebens so begegnet zu sein, dass wir uns alles erkämpfen mussten. Und wir wissen gleichzeitig, dass es ein langwieriger Prozess ist, das zu verstehen. Dann wissen wir auch wieso es wichtig ist, innerhalb des Sozialisierungsprozesses so wenig wie möglich geschont zu sein. Und so manch einer denkt an seine Kindheit zurück. Eltern die den Kindern vermitteln, Dinge bis zum Ende zu bringen und damit Erfolgserlebnissen zu begegnen, müssen über eine Art gewissenhafte Voraussicht verfügen.  Dem Erfolgserlebnis gehen eine Reihe von Überwindungen und eine gesunde Portion Überzeugung voraus. Beide spielen sich den Ball zu. Und nichts liegt einem Kind bekanntlich ferner als das. Wenn ein Kind zum Lernen gezwungen wird, ist das in den Augen der meisten Eltern kontraproduktiv. Auf der anderen Seite vergessen sie aber leicht, dass das Kind nicht wissen kann, welche Wege und Möglichkeiten, die ihm zugute kommen und damit seine Zukunft vereinfachen würden, vielleicht entgehen. Dem Kind wird genommen, was ihm zusteht. Nämlich die optimale Nutzung seiner Talente und Fähigkeiten. Zumal Kinder mit Begriffen wie Leistung und Erfolg nicht viel anfangen können. Dies erklärt uns Michael Winterhoff, der deutsche Kinder-und Jugendpsychiater in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Er schildert weiter, wie sehr Kinder vor allem im geschützten Rahmen des Wohlstands und der Sorgenfreiheit leben. Nun kann ich mir als Elternteil folgende Option stellen: Entweder widersetze ich mich dem Kind und beginne einen Weg voller Diskussionen und Auseinandersetzungen, um letztendlich meinem Kind zu zeigen, was ich gemeint habe. Oder ich umgehe diesen mühsamen Pfad und tausche diese Herausforderung mit einem glücklichen Moment aus, in dem ich Gras über die Sache wachsen lasse. Wenn ich mich für den zweiten Weg entscheide, werde ich nie erfahren, ob er mit dem Ergebnis des anderen Weges nicht glücklicher gewesen wäre. Frustration, Niederlage, Einsicht und der danach folgende Versöhnungsprozess werden vermieden. Wütend werden ist wichtig. Schreien ist wichtig. Alles Erfahrungen aus dem stinknormalen Leben. Fälschlicherweise sieht man körperliche und psychische Anforderungen als Entwicklungshemmend. Kinder sollen so wenig wie möglich mit Konflikten konfrontiert werden. Das Eltern-Kind Verhältnis hat sich zu einer lockeren Freundschaft verwandelt. Das erinnert an das in unserer Gesellschaft oft verehrte Wort  „Gleichstellung“. Wiewohl doch sich die in Erkenntnissen immer weiter entwickelnde Pädagogik  vermehrt in der Bevölkerung durchgesetzt hat, steigen die Zahlen psychisch auffälliger Kinder. Winterhoff zitiert Zahlen aus der Statistik. Demnach sei die Zahl psychisch auffälliger Kinder  auf 20 Prozent gestiegen. Ein Drittel davon sei psychiatrisch beziehungsweise psychotherapeutisch behandlungsbedürftig.  Kinder haben immer größere Schwierigkeiten über ihren Schatten zu springen und für eine gute und produktive Sache Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. So würden nur die wenigsten Kinder von sich sagen, dass sie gerne lernen, weil sie einmal ihre Familie sorgenfrei Ernähren wollen. Das würde von Weitsicht und einer gesunden Bindung zur Realität zeugen. Denn solche Aspekte werden so gut wie nie vermittelt. Im Gegenteil. Viele Eltern leben im Irrtum ihre Kinder mit so viel Freude wie möglich glücklich machen zu können. Wenn mein Kind lacht ist es glücklich. Das Weinen und die Nachdenklichkeit werden vernachlässigt. Das Gefühl von Trauer und Verlust wird gekonnt vermieden. Dem Kind wird eine Welt vorgegaukelt, in der seine Sorgen immer und zu jeder Zeit verstanden werden und sich alle Situationen nach seinem Gemüt zu richten haben. Ein Irrsinn der in Wirklichkeit nicht einmal in einer  ausgeglichenen Familie vorkommen darf. Aber dennoch wird es simuliert. Die verkrampfte Einstellung immer der beste Vater  oder die Mutter zu sein,  der wahnwitzige Glaube streng sein wäre falsch und einer der größten Lügen der Menschheit; angemessener  Respekt vor den Eltern gehörten dem Mittelalter an. Denn solche Antworten bekommt man, wenn man den angemessenen Ton gegenüber Erwachsenen hervorhebt. Viele frisch gebackene vegetarische  Pädagogik-Studenten halten einem vor,  durch die Zeugung des Kindes dazu verpflichtet zu sein alles geduldig zu ertragen und Unverschämtheit in Kauf zu nehmen. Denn warum habe man sonst ein Kind gezeugt? Aber wie viel Momente wird das Kind im Leben später erleben an denen es sagt: „ Das Leben ist schön, gut das ich lebe“, oder „Schön das ich den und den kenne“. Also ist es doch keine einseitige Geschichte. Also ist es doch schön für das Kind und von Bedeutung, dass Mami und Papi sich kennengelernt haben und in Liebe das Kind großgezogen haben. Aber unsere Gesellschaft hat das Wort Freiheit für alle denkbaren Lebensbereiche gesegnet. Ohne Zwischenbilanz zu ziehen oder die Verfügbarkeit dieses Begriffs für Teilbereiche der Vernunft zu prüfen. Denn das Kind kann in allem mitentscheiden, denn so will es die neue Vorstellung von Erziehung. Aber nein, Erziehung muss für das Kind am besten sorgenfrei gestaltet werden. Dabei steckt in dem Wort Erziehung doch schon ein Widerstand. „ziehen“. Sonst würde es ja Erlassen heißen. Und liebe zeigt sich oft durch Widerstand, Aufruhr, Stimmungsschwankungen, Vorwürfen, wüstem Geschrei. Denn wenn mir jemand wichtig ist, gehen leicht mal die Emotionen durch. Also kann es nur in Ordnung sein, zu schimpfen und Verzweiflung anzusprechen. Die Familie aus der Barbiekiste hat jedoch Einzug in unsere Wertvorstellung genommen. Immer wird Perfektion und bedingungslose und unerschütterliche Liebe propagiert. Kein Wunder, dass die meisten Eltern das Scheitern fürchten. Vor allem das Scheitern in der Erziehung. Denn da draußen wimmelt es nur so von Rechthabern, selbstlosen Kämpfern für die Gerechtigkeit, geschliffenen Pädagogen,  Perfektionisten und gespielten Kinderschützern. Doch der Alltag ist das wahre Leben. Wenn ich einem Kind jeden Tag dasselbe sagen muss. Wenn ich ständig in Streitereien eingreifen muss, wenn ich in die Verzweiflung getrieben werde, von einem Kind das Ausdrücke benutzt, spuckt, mit Gegenständen schmeißt und sich jeden Tag in der Schule schlägt. Und wenn mein Name durch solche Missgeschicke einmal in den zuständigen Ämtern fällt, befinde ich mich bereits in einem Strudel von Vorwürfen, Missverständnissen und Verleumdungen. Es wird mir empfohlen, das Kind weiter wie einen Erwachsenen zu behandeln, es mit Punktelisten zu loben und ständig –  gerade das ist das Unmögliche, zu lächeln. Und das Kind darf weiterhin selbstbestimmend sein. Keiner darf ihm erklären, dass er mit seinem Verhalten verletzt und Unruhe stiftet. Keine Strafen.  Emotionale Ausbrüche muss man als Vater oder Mutter gekonnt ersticken. Er wird nie erfahren, dass das was er getan hat, Unglück herbeigeführt hat. Und später in ein Paar Jahren, nachdem ihm immer das Gefühl von kindlicher Unschuld gegeben worden ist,  wird er vielleicht, aber wirklich nur vielleicht aus irgendwelchen ungeklärten Gründen ein Mädchen vergewaltigen und es in einen Fluss schmeißen. Man wird ihn fragen: Warum hast du das getan? Er wir es nicht sagen können. Denn er war ja damals nur ein Kind. Er war nie schuld. Und ein Kind durfte man nicht mit zu vielen Fragen belasten, oder es gar bedrängen. Man durfte ihn nicht einmal vorübergehend in sein Zimmer sperren. Das Jugendamt saß einem da schon im Nacken. Er war sich ja nie einer Schuld bewusst. Man hatte Angst, seine Entwicklung durch die Konflikte zu hemmen. Psychologisch empfindliche Darlegungen über das Empfinden haben uns eingeschärft nicht einmal an den Ohren zu ziehen. Man hatte Angst eigene Ziele in der Erziehung zu setzen. Dafür trug man den ganzen Tag unbearbeitete Frust mit sich herum. Aber man hat doch mit ihm in Ruhe geredet. Wie die Pädagogen. Immer wieder. Hat das doch nicht geholfen?

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