man having presentation at seminar

Man stelle sich vor,  aus einem tiefen gemütlichen Schlaf von einem  mächtigen Schlag ins Gesicht geweckt zu werden. Wie würde man reagieren? Vermutlich würde man einen solchen Schrecken bekommen, der sich vom Herz ausgehend im rasanten Tempo in alle Glieder ausbreitet. Und für einen Bruchteil der Sekunde wüsste man nicht so recht, ob man träumt oder schon wach ist. Oder man geht im Affekt zum Angriff über. Wie dem auch sei. Erleben möchte man es nicht.

So eine Art Schlaf herrscht aber nicht nur im biologischen Rhythmus des menschlichen Körpers. Es gibt auch den großen Schlaf innerhalb einer Gesellschaft. Den vielleicht auch gewollten Schlaf. Ein Schlaf egoistischer und ignoranter Natur. Wir erleben ihn alltäglich, sind uns darüber aber nicht bewusst.  Zum Beispiel wenn wir behaupten, dass Deutschland den Rassismus weitgehend überwunden habe, nur weil wir im Fernsehen tagtäglich gesagt bekommen, was man schon jahrelang alles dagegen getan hat.

Nur weil wir sehen, dass auf Viva zahlreiche Videos von Farbigen abgespielt werden, aus denen wir dann fälschlicherweise schließen, die Gesellschaft hätte andersfarbige Menschen akzeptiert. Und wir leben gerne in diesem Traum, weigern uns in einfache und klare Gegebenheiten zu begeben. Klare Umstände zu akzeptieren. Der Rassismus bleibt als dunkle und undurchsichtige Vermutung in unserem Herzen. Gleichzeitig ist sie in manchen Gegenden so gegenwärtig, dass es eine schreckliche Form der Normalität angenommen hat. Es ist,  als hätten öffentliche Debatten, Bücher, Aufklärung, Kulturveranstaltungen, Filme und bekannt gewordene Fälle nie Zugang zu solchen Gebieten gehabt.

Zu solchen, in denen man den Rassismus lebt und es gleichzeitig ganz trocken verleugnet. Einen solchen Schlag ins Gesicht hat uns Günter Wallraff gegeben. Er hat uns geweckt aus unserem demokratischen Traum, den wir immerzu jedem entgegenhalten, wenn wir uns bedrängt fühlen. Er hat uns geweckt aus unserer traumhaften Heuchelei von Bemühungen unserer Politik um die Gleichberechtigung. Und der Schlag kam ungeahnt. Mitten in der Nacht. Mitten im Demokratie- und Gleichberechtigungstraum, den wir zu leben dachten.

Aber der tiefe Schlaf hat viele Menschen um die Realität gebracht und der Keim des Hasses hat sich als ein gesellschaftliches Virus entpuppt, den bis jetzt niemand besiegen konnte. Er mutiert in verschiedenster Weise. Versteckt sich hinter gut gewollten Argumenten, warum man so oder so denke und endet mit Sätzen wie: Man sei ja nicht rassistisch. So wie in der Dokumentation, den Günter Wallraff 2009 unverfroren in die träumende Menge schmiss. Als Somalier begab er sich gut getarnt, ein Jahr lang auf eine nicht ganz ungefährliche Reise, welche er dokumentierte. Man könnte auch sagen, er ging durch einen bislang unbekannten schwarzen Tunnel, der sich durch Deutschland zieht.

Ein Tunnel, abgekapselt von der freiheitlichen und demokratischen Atmosphäre, in dem Menschen nicht so leben wie wir es sonst wahrnehmen. Er lässt schlimmste Bemerkungen und unverblümtem Hass über sich ergehen. Günter Wallraff bewegt sich in der Nähe eines Stadions, wo gerade ein Fußballspiel entschieden wurde. Er geht zu einigen feiernden Leuten und fragt als Kwami Ogonno nach dem  Ergebnis und bekommt Antworten wie „ Das geht dich ein Scheiß an“ oder „Geh weiter“ Viele wenden sich einfach ab und sprechen erst gar nicht. Etwas später im Zug muss er sich wüste Beschimpfungen anhören. Ein jüngerer Mann mit einer Flasche Bier in der Hand will vorbei und schimpft überheblich: „Hey Schwarzer, lass mich mal durch“ Und später fragt er: „Was suchst du denn für ne Flasche, willst du dir damit einen runterholen?“. Als Wallraff sich verbal zu wehr setzt, erwidert der junge Mann: „ Ich zieh dir die Haut ab”. Günther Wallraff hat eine dort patrouillierende Polizei auf seine Erlebnisse angesprochen.

Die Polizei nimmt ihn nicht ernst, zuckt kurz mit den Achseln, „Davon ist mir jetzt nichts aufgefallen“, sagt er und wendet sein Kopf ab. Die ganze Fußballszene dauert vielleicht zehn Minuten. Das schlimme ist, dass der Film eineinhalb Stunden mit solcher Ignoranz vollgepackt ist. Wollte man ein Aufsatz über die einzelnen Vorgänge im Film schreiben,  müsste man jede Sekunde auf Pause gehen, an denen Wallraff mit Hass konfrontiert ist und zum notieren anhalten. Denn in jeder Sekunde sieht man, auch von beobachtenden Menschen, Hass, Belustigung, Ignoranz, Sprüche, Lügen und systematische Ausgrenzung. Es ist so schlimm, dass es anstrengend wäre, jede Bewegung und jede Bemerkung aufzuschreiben. Alle haben scheinbar klare Gründe, warum sie gerade keine Zeit haben oder keine Anmeldung für ein Verein oder eine Veranstaltung durchführen können.

Von der Vermieterin, über den Türsteher an der Disco, bis hin zum Hundeverein. Und überall werden Ränke geschmiedet: Erhöhte Preise, Aufnahmestop, begrenzte Mitgliedschaft, unbegründete Sorgen, Misstrauen. Nur um eines zu verhindern. Den Umgang mit einem Somalier. Doch wie sehr treffen solche Enthüllungen unseren Nerv? Wie kommt es, dass in einem der mit Abstand demokratischsten Staaten der Welt solche Haltungen unerschüttert gegen jegliche präventive Bemühung trotzen konnten? Wie kommt es, dass Menschen auf dogmatische Weise schwarze Hautfarbe mit Kriminalität, Dummheit, Misstrauen und Schmutz assoziieren?

Was ist in den letzten  70 Jahren passiert? Was haben wir gelernt? Nach dem Film zu urteilen hat ein Großteil der Bevölkerung auch noch die Geschichte dieses Landes und dessen Folgen verschlafen. Denn es sind sehr viele alte Menschen, die sich abfällige Bemerkungen über andersfarbige Menschen erlauben. Wallraff versucht sich als Kwami einer Wandergruppe anzuhängen. Eine Frau bemerkt: „ Jetzt hängt der sich auch noch an uns an, das wollten wir ja nicht“. Der Mann neben ihr hält einen Schirm schlagbereit in der Hand: „ Der ist nicht nur gegen den Regen gut“, scherzt er dabei. Bei diesem älteren Herrn ist die Zeit stehen geblieben. Sie alle haben nicht nur die Geschichte dieses Landes verschlafen, sondern die Bemühungen einer ganzen Nation, samt Politik und Kultur über die Klinge springen lassen. Hartnäckige Ignoranz, gemischt mit kühlem und verachtendem Hass. Wie kann man einen solchen Abschaum mit sich tragen und gleichzeitig Mensch sein? Wir werden es wohl nie begreifen. Aber über eines dürfen wir uns nie wieder wundern: Wie es dazu kommen konnte,  dass Hitler an die Macht kam.

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