Im Nordirak hat die Musik bisweilen nur die an Tradition gebundenen Herzen erreicht. Sie gleicht in ihrem Stil im Grunde dem der arabisch sprachigen Länder. Denn auch im Irak gehört die Oud zum Volksinstrument. Hier dominieren Munir Baschir und Nasir Shamma. Der Pop hat hier wenig Platz. Es gibt zwar ein oder zwei Künstler des orientalischen Pops, jedoch erreichten diese Künstler nicht die Begeisterung der europäischen Hörer. Auch weil sie irgendwann an den amerikanischen Stil anschließen würde.

Natürlich fehlt hierfür auch die Zeit. Die Zeit für unbeschwerte und ausschweifende Musik. Vor allem die kurdische Volksgruppe hat nun seit 1984 nichts anderes zu tun als sich den politischen Geschicken um sich herum anzupassen, oder ein Konflikt herbeizuführen.Deshalb wäre der Frieden für alle das Beste. Die Lage war lange Jahre hoffnungslos. Zuvor war das Land mit der haschemitischen Monarchie beschäftigt, dem mehrere Perioden von Militärputschen folgten. Immerhin nähert sich die Aussicht auf Frieden.  Denn im Hinblick auf die Türkei wird vermehrt auf kommunikativer Ebene gehandelt, auch wenn es noch weiterer Schritte braucht.

Gewisse Schranken und Tabus sind behoben. Die Politik auf beiden Seiten versucht sich stockend einer Reform hinzugeben. Nicht ohne Folgen. Denn in der Türkei wagen sich nur die mächtigsten an den Verhandlungstisch. Denn nur solche können sich einigermaßen vom Vorwurf einer verräterischen Politik schützen. Man kann es sowieso keinem Recht machen. Ein Gerücht jagt das andere. Einen großen Schritt in Richtung Emanzipation wird oft durch das Medium Musik gewagt. Hier sind – so scheint es zumindest, keine politischen Barrieren vorhanden. Die liebreizenden Bewegungen einer politisch völlig unberührten jungen Frau haben es geschafft, Jenseits der maroden Friedensverhandlungen die Tapeten zu wechseln.

Helly Luv heißt der kurdische Export, der von den rauen Sitten einer eingefahrenen Politik durch  Vorurteile ablenkt. Im feurigen Video Risk it all hat sie das Motto ihres Erfolgs unverblümt offengelegt. Es ist eine junge Frau die eine äußerst untypische Weise einer sozialkritischen Demonstration führt. Denn das Video spielt im historisch bedeutsamen Gebiet der Zitadelle in Erbil. Die ganze Stadt singt mit. Das Gebiet wurde in einem rasanten Tempo geradezu evakuiert. Von 1960 bis 2007 wurden reihenweise Moscheen und Häuser abgerissen und hunderte Familien umgesiedelt. Nach dem das Gebiet wirtschaftlich uninteressant geworden war, wollte man hier eine große Hauptstraße bauen. So tanzt sie zwischen den Ruinen der dünn besiedelten Gebiete in dem nur ein Paar staubige Kinder vor die Kamera treten und das ganze Dorf sich vom Beat mitreisen lässt. Der Musikstil erinnert stark an die amerikanischen Kolleginnen, etwa an Rihanna oder Beyonce. Das ist kein Zufall. Die 1988 im Irak geborene Helan wuchs in Finnland auf und zog schon bald in die USA, in der Hoffnung, dort musikalisch Fuß fassen zu können. Zurzeit also wird in Nordirak ordentlich mit den Hüften geschwungen. Wer braucht schon Konflikte? 1,2 Millionen Klicks zeugen vom Wandel des nicht nur musikalischen Geschmacks. Niemand verschwendet auch nur einen Gedanken an die politische Autonomie irgendeiner Volksgruppe, wenn das Video läuft. Denn diese drei Minuten trotzen nur so gegen Hass und Krieg. Dennoch werden auch hier die Waffen gehoben. Provokation oder Übermut? „Kämpfe für deine Freiheit und deine Träume”, steht über dem Bild das auf Facebook gepostet wurde.

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