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Seit dem Jahr 1990  ist die Zahl der Eheschließungen in Europa von 4 Mio. auf etwas mehr als 3 Mio. gesunken. Man kann viele mögliche Faktoren anführen, die zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnten. Keine Angelegenheit ist so allgegenwärtig und aktuell wie die Frage um die Veränderung unserer Gesellschaft durch die immer größer werdende Rolle des Internets in unserem alltäglichen Leben.

All jene die sich bis jetzt gegen die Invasion des Internets gewährt haben,  zählen ihre letzten Tage. Denn auch Menschen die den Übergang vom Analogen ins Digitale erlebt haben und die klaren Unterschiede benennen können, müssen das Internet als Instrument einer zivilisierten und fortschrittlichen Gesellschaft anerkennen,  ohne dessen Beitrag sich unser gesamtes Leben verändern würde. Dabei gibt es inzwischen kein Lebensbereich mehr, in dem das Internet nicht eine bessere Lösung vorschlagen kann. Ob Kriminalitätsverfolgung, Unternehmensgründung, Statistische Studien oder auch Partnerschaftsvermittlung.

Letzterer hat unserer Gesellschaft eine solch tiefgreifende Veränderung beigebracht, dass mehrere sozialgesellschaftliche Begriffe neu oder gar umdefiniert werden müssen. Die Netzliebe gewährt neue und bislang unbeachtete Einblicke in das Sexualleben einer  rasant fortschreitenden Gesellschaft. Die Frage über die Wahrscheinlichkeit ernsthafte Kontakte über eine Dating-Plattform knüpfen zu können, gehört zur Dialektik überambitionierter Psychologen und Medienforscher. Immer wieder häufen sich neue Widersprüche und verwirrt durchforstet man das Internet nach Studien und Erfahrungsberichten.

Ob gut oder schlecht, schädlich oder hilfreich. Das Internet hat sich jedem Gegner gestellt. Der Lauf des Lebens, die sich verändernden Bedürfnisse der Menschen und die nicht lösbar geglaubten Probleme der Menschen haben den Erfolgsweg des Internets geebnet. Die Welt ist noch kleiner geworden als sie schon durch die Erfindung der Eisenbahn und des Telefons geworden war. Es gibt Menschen die das Online-Dating verteufeln und nichts Gutes an ihr lassen. Dann gibt es Menschen die in dieser digitalen Lösung einen revolutionären Fortschritt in der zwischengeschlechtlichen Kommunikation sehen. Eine Art barrierefreie Kommunikation. Ohne die Meinung Anderer. Ohne Bindung.

Ob die darauf folgende Beziehung mit den Beziehungen aus dem analogen Zeitalter gleichzusetzen ist, ist eine Frage der die meisten gerne aus dem Weg gehen. Längst wir das Wort Romantik von jungen Frauen nicht mehr so oft verwendet wie es einmal der Fall war. Wichtig sind da mehr die gleichen Interessen. Aus diesem Grund ist der Begriff Matching-Algorithmus ein Schlüsselwort in dieser Branche. Hier werden Begriffe und Umschreibungen nach einem bestimmten Verfahren in einer im Programm befindlichen Zeichenkette zugeordnet und ausgewertet. Es ist also wie bei einer Immobiliensuche.

Große Portale berufen sich trotz großer Zweifel der Psychologen auf wissenschaftlich fundierte Partnervorschläge. Im Fachblatt Psychological Sciene in the Public Interest haben nun zwei amerikanische Psychologen ihre Zweifel an den Matching- Algorithmen offenkundig gemacht. Diese könnten den Erfolg einer Beziehung kaum voraussagen, sagte Eli Finkel von der Northwestern University. Dennoch wächst das Geschäft mit der Liebe im Netz. Immer mehr Menschen greifen nicht nur im Zweifelsfall auf Dating Portale zurück. Ethnologin Julia Dombrowski führt in einem Interview mit dem Magazin fluter.de mehrere Gründe für dieses Phänomen an.

Zum einen pflegten viele Menschen, bedingt durch Kind und Job, wenig Kontakt zum anderen Geschlecht. Zum anderen seien viele Menschen beruflich und privat so sehr an das Internet gebunden, dass sich die Frage nach einer anderen Möglichkeit gar nicht stelle. Zudem seien Partnersuchende sehr anspruchsvoll und hätten wenig Vertrauen in  Zufälle. Die für eine gesunde Beziehung unumgänglich geglaubten Wörter wie Liebe auf den ersten Blick oder glücklicher Zufall haben mit diesem Konzept nichts zu tun. Dombrowski wagt es zu fragen, ob Romantik und Liebe im Internet- Zeitalter noch als Voraussetzung für eine feste Bindung gelten können. Dennoch kann sie eine solche Vermutung nicht bestätigen.

Die Empfindungen für Glück und Romantik werden einfach umdefiniert, in dem man sie im Einschalten des Computers zum richtigen Zeitpunkt sieht. Derzeit tummelt ein Gigant im Netz,  welcher die restlichen Singles dieser Erde aufzusaugen scheint. Es ist einer der größten Singlebörsen der Welt.  Hinter Namen wie AfroIntroductions, AsianDating, BlackCupid oder Muslima.com steckt der australische Konzern Cupid Media zu dem inzwischen über 40 Mio. Nutzer gehören. Die Namen lassen das Konzept dieses Unternehmens erkennen. Das Unternehmen arbeitet auf Grundlage von ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten, um so die Partnersuche attraktiver zu gestalten.

Längst ist die gezielte Partnersuche zur Lebensplanung herangewachsen. Dombrowski betont, dass immer mehr Menschen neben ihrem Besitz und ihrer Karriere auch eine passende Partnerin oder den passenden Partner sehen wollen. Das Geschäft mit der Partnersuche ist längst keine Marktlücke mehr. Die Konkurrenz ist enorm und wer glaubt, dass Dating-Plattformen Geld scheffeln, sieht an der Realität vorbei.  Durch die ständige Aktualisierung und Optimierung entstehen enorme Kosten, welche die Portale investieren müssen, um auf dem Markt nicht zerfleischt zu werden.

Die Verwaltung der Mitglieder erfordert eine immer neuere Ausrichtung der Software. Kunden- Support und Profilprüfungen werden meist von hierfür ausgebildetem Fachpersonal durchgeführt.  Allein sein ist in unserer Gesellschaft verpönt und allgegenwärtig zugleich. Im Zuge der vielfachen Beschäftigung beider Geschlechter, der gestiegenen Scheidungsrate und der immer längeren Karriereleiter haben sich Familien deutlich verkleinert.  Singlewohnungen sind gefragt wie nie. Immer jünger suchen Heranwachsende einen Partner. Das Sexualverständnis setzt immer früher ein. Videoclips und Werbungen machen mit sexistischen Inhalten und Anspielungen Milliardengeschäfte.

Diese Tatsache harmoniert mit einer weiteren Tatsache: Lag 1980 des Einsetzen der Periode bei 12,5 Jahren, liegt sie Heute im Durchschnitt 9,7 Jahren. Diese Frühreife hat unmittelbar Einfluss auf die ebenso früh einsetzende Partnersuche und das Interesse für gegengeschlechtliche Beziehungen. Dieser Umstand wird von sexistisch orientierten Werbe-und Verkaufsstrategien angefeuert. Die Sexualisierung der Gesellschaft ist ein Phänomen, welche lediglich durch die Akzeptanz in der Öffentlichkeit  motorisiert wird. Egal wo wir uns gerade in der Öffentlichkeit befinden. Werbeplakate zeigen entblößte oder leicht bekleidete junge Frauen.

Modezeitschriften schmücken sich mit abgemagerten Mädchen und knappen Bekleidungen. Natürlich liegen der Frühreife neben dem gesellschaftlichen Einfluss auch ernährungsspezifische Faktoren zugrunde. Aber im gesamten Mechanismus greift ein Zahn in das andere, so dass sich einzelne Fetzen Wahnsinn zu einem riesigen Missverständnis zusammentun. Und genau von den Folgen dieses Missverständnisses leben Singlebörsen. Sie geben einem das Gefühl noch nicht den oder die Beste gefunden zu haben und sich in einem Schlaraffenland zu befinden.

Quellenangaben:

Statistisches Bundesamt

Eltern Family.de

Hamburger Abendblatt

Statista.de

Spiegel Online

Wikipedia

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