Die Ansichten vieler Experten hinsichtlich der Bedeutung und Wirkung der in den Zeugnissen vergebenen Zensuren hat sich in einigen Bundesländern verändert. Das was sich in der Schule seit Jahrzehnten bewährt hat, wird nun unter neuen sozialen und ethischen Gesichtspunkten in Frage gestellt.

Die Noten waren bislang ein ernst genommenes Parameter für Leistung und gewissermaßen auch eine Orientierung für die oft unter verschiedensten Einfluss stehende Werteordnung. Viele Eltern sehen darin ein pauschales und ungenaues Einzwängen persönlicher Fähigkeiten in ein Zahlensystem, durch das tatsächliche Einsichten in individuelle Leistungsfähigkeiten verwehrt bleiben. Und dennoch darf man diese Diskussion nicht nur aus dem Leid vieler Kinder heraus betrachten. Denn, wollen wir die Noten abschaffen, weil sie tatsächlich nicht mit den Anforderungen der heutigen Bildungs- und Erziehungspolitik zu vereinbaren sind, oder geben wir der wachsenden Kompetenzlosigkeit vieler Schüler nach?

Mit dem Internet kamen neuartige Herausforderungen in Erziehung und Bildung, mit dem Zugang der Kinder in die digitale Welt kamen auch die neuartigen Freizeitgestaltungen. In unmittelbarem Zusammenhang mit dieser  Entwicklung steht die Orientierung und Willensstärke der Kinder die unter dem enormen Einfluss überflüssiger Informationen  steht. Damit kommt unwillkürlich die Frage auf, ob es richtig ist etwas zu verändern, weil ein großer Teil der Kinder verlernt hat mit Zahlen und Bewertungen sachgemäß umzugehen? Wenn ich mich über das ganze Jahr hinweg nicht bemühe und anschließend mit der schlechteren Note nicht umgehen kann, haben Eltern eine ganze Menge versäumt. Denn der Umgang mit Werten und Reflexionen gehört zum festen Bestandteil einer jeden Sozialisierungsphase, ohne dass sich die Persönlichkeit kaum entwickeln könnte. Dazu gehören aber noch mehr Fähigkeiten wie Einsicht, Motivation und das Verknüpfen eigener Verhaltensmuster mit den Auswirkungen im Leben,  um mit Noten umzugehen.

Oft flüchtet man jedoch zur vereinfachten Behauptung, dass Lehrer bei der Verteilung von Noten persönlich befangen sind und rein situativ handeln.  So sehen das aber nicht alle. Schleswig-Holsteins Kultusministerin Waltraut Wende sieht einen großen Spielraum innerhalb einer Zensur. Viele Lehrer würden eine bestimmte Leistung nicht mit derselben Note bewerten. Noten seien allzu oft auch Glückssache. Das hat sie in einem Artikel für die Zeit gesagt. Sie tendiert zu einem System das sich „Kompetenzbeschreibung“ schimpft. Dabei sieht man ein Essayband vor, das sich auf die sämtlichen Facetten der jeweiligen Persönlichkeit bezieht. Wende geht jedoch weiter: Selbst negative Verhaltensweisen sollen höflich formuliert werden, so dass sie vielmehr andere Fähigkeiten hervorheben, als das jeweilige Problem anzuprangern. Das bedeutet im Genaueren, dass ein Schüler der sich im Unterricht ignorant verhält und unbeteiligt ist die Beschreibung „hört gut zu“ erwarten kann.

Dabei könnte man gegen argumentieren, dass Zuhören zur Grundvoraussetzung im Unterricht gehört. Sollte es passieren dass ein Schüler den anderen verprügelt, muss der Lehrer beispielsweise schreiben: „Ingo verfügt über ein gesundes Selbstvertrauen“. Niemand soll ihn also damit konfrontieren, dass sein Verhalten andere Personen gefährdet und er damit gegen die Hausordnung verstößt. Ob die Arbeitswelt ebenso vorsichtig mit den Gefühlen der auffälligen Kandidaten umgehen wird ist fraglich. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Kompetenzbeschreibungen, sollten sie sich einmal durchsetzen, ein verschlüsseltes und immer gleiches System sein müssen und werden, da ihre Fertigstellung sonst zu kompliziert sein würde. Und diese Verschlüsselung würde nach einigen Jahren alles verraten.

Zudem können viele Schüler entgegen der weitverbreiteten Meinung sogar sehr gut mit Noten umgehen. Durch die Abschaffung der Noten fühlen sich diejenigen Schüler betrogen, die sich gut und gerne Mühe gegeben haben, weil sie durch die „Schmeichelbeschreibungen“ mit vermutlich faulen Schülern gleichgesetzt werden. Der Vorsitzende des Bayrischen Philologenverbandes (bpv) Max Schmidt hat seiner Kritik an der Abschaffung  der Zensuren freien lauf gelassen. Er sieht den Vorteil der Ziffernoten in der Klarheit und Kürze. Darin trage die Akzeptanz der Ziffernoten bei Schülern, Eltern und Lehrkräften ihren Grund. „ Sie werden von Lehrerinnen und Lehrern aller Schularten mit großer pädagogischer Verantwortung und keineswegs nach Gutdünken vergeben!” erklärte Schmidt und bekräftigte damit seine Haltung. Eine Bestätigung in diese Richtung kommt auch vom Forscher und PISA-Experten Prof.Baumert: : “Noten beruhen primär auf den tatsächlich erbrachten Leistungen“.

Quellen:

Die Zeit online
Bildungsklick
shz.de

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