Foto: Kanal A9

In den türkischen Medien prägt der umstrittene Publizist Adnan Oktar die religiöse Debatte und gilt als zentrale Figur einer sich im Namen des Islams emanzipierenden “Schicki-Micki” Society. Doch der Versuch einer religiös begründeten Emanzipation bleibt nicht ohne Folgen und reizt die Gemüter.

 

Adnan Oktar sorgt in der türkischen Medienlandschaft für reichlich Wirbel. Dabei dürfte seine für viel Diskussion sorgende und kreationistisch ausgerichtete Talkshow mit dem vielsagenden Namen „ Die Kätzchen des Adnan Hoca“ keine Bewunderung auslösen. Denn wo sich die politischen Fronten eines Landes derart verhärten, wie es aktuell in der Türkei geschieht, steigt die Tendenz zu lächerlich bis irrsinnig anmutenden Darstellungen im Fernsehen, in dem die gutbetuchten Protagonisten ideologische Schluchten über extreme Ansichten zu füllen suchen. Welcher Funken diese Hemmungslosigkeit auch ausgelöst haben mag, sie hat anscheinend Erfolg.

Der Publizist und Millionär Adnan Oktar, der international unter dem Pseudonym Harun Yahya bereits mehrere tausend Bücher verkauft hat, ist eine Gestalt die den Zwiespalt und die Dessorientiertheit innerhalb der türkischen Gesellschaft trefflich spiegelt. Doch solche selbsternannten Wahrsager treten absolut ernst auf. Mit äußerster Eloquenz und tiefsinnigem Pseudowissen machen sie auch vor dem klar durchstrukturierten Islam keinen Halt. So auch Adnan Oktar, dessen ideologische und religiöse Position nicht klar aufzufassen ist, da er scheinbar von Überzeugung zu Überzeugung schwimmt. Und immer dient der Islam als Grundgerüst. Dabei hebelt ein Widerspruch den anderen aus. Mal ist es der Zionismus welcher für den Unfrieden in der Welt verantwortlich ist, mal die Freimaurerei und mal wieder der Darwinismus. Schlussendlich greifen sie alle ineinander.

Zuletzt hatte Oktar sich als Mahdi, also eine im islamischen Glauben als Nachkomme Mohammeds verstandene Person ausgegeben und damit die Schmerzgrenze seiner größten Fans erreicht. Neben diesem Regelkreislauf der persönlichen Überzeugungen hebt sich seine auf dem von ihm gegründeten Privatsender A9 ausgestrahlte Talkshow „Adnan Hocanin Kedileri“ ( Die Kätzchen des Adnan Hoca) besonders hervor. Zu erwähnen ist vorne ab, dass es sich hier um eine Talkshow handelt die den Anspruch erhebt religiöse Werte zu vermitteln. Es geht um Gott, um seine Schöpfung und die Rechtleitung der Menschen. Dabei führt Adnan Oktar die Gespräche und die Show gleicht mehr einem belehrenden Vortrag als einer ausgewogenen Interaktion.

Zuhörer und Talkgäste sind stark geschminkte und leicht bekleidete Frauen mit wasserstoffblonden Haaren oder rassig dunkle Frauen. Es werden Fanbriefe vorgelesen und sinnfreie Gespräche geführt. Der Talkmaster wird zu Beginn jeder Ausstrahlung mit peinlich übertriebenen Komplimenten angekündigt. „ Wir begrüßen unseren äußerst intelligenten, scharfsinnigen und wunderschönen Hoca (Gelehrten) Adnan“, beginnt eine der weiblichen Dauergäste ihre Ansage. Zwischendurch – und das sind die kleinen Höhepunkte der Sendung, treten ein bis zwei junge Frauen hervor und tanzen orientalisch-erotische Bewegungen zur arabesken Musik. Lange wurde diese Talkshow unhinterfragt rezipiert. Zumindest hat man so getan, als sei der Ablauf des Programms ein selbstverständliches Produkt türkischer Medien. Vermutlich betäubt durch die gewagt kontroverse Darstellung. Jedoch war allen Zuschauern klar, dass die aus dem gewohnten Standard hervortretende Talkshow nicht fortbestehen kann, ohne dabei aufgeheizte Kommentare im Netz auszulösen.

Die Sendung ist neben dem Kanal A9 via Live-Stream zu verfolgen. Der hoch anerkannte türkische Journalist Cüneyt Özdemir hatte in seiner 2015 ausgestrahlten Nachrichten- und Unterhaltungssendung 5N1K auf Kanal D die ständig anwesenden fünf weiblichen Gäste zur Rede gestellt. Diese ließen sich selbst von bohrenden Gewissensfragen nicht beunruhigen. Denn was an dieser Talkshow stört ist nicht etwa die Freizügigkeit, sondern die sich über die Gespräche aufdrängende Behauptung, dass der Islam den erotischen Tanz, die zur Schau gestellten Blöße und den exzessiven Konsum begrüßen würde. Und diese Behauptung ergibt sich nicht nur, sondern wird auch explizit von den Talkgästen vertreten. Die Teilnehmerinnen bestreiten unter anderem die sich im Koran mehrmals wiederholende Vorgabe der entsprechenden Bedeckung für Frauen.

Aber viel wichtiger war die Frage des Journalisten Özdemir was die in der Talkshow anwesenden Frauen eigentlich verbinde. “Weshalb nehmen sie an der Show überhaupt teil?”, wollte Özdemir wissen. Es sei natürlich die Freude am Leben und an der „geistreichen“ Unterhaltung, aber primär sei es der tiefe Glaube der die Damen miteinander verbinde. Spätestens hier muss man ein schallendes Gelächter drückend zurückhalten. Da hilft auch der emanzipatorische Hintergrund nicht mehr, welchen die Damen zu ihrer Verteidigung öfter aufgreifen. Denn wo Frauen ihre Reize zur Schau stellen, geht auch eine der wichtigsten Zielsetzungen der Emanzipation verloren. Nämlich nicht ausschließlich als Sexualobjekt der männlichen Begierde zu gelten. Die Frauen möchten nach eigenen Aussagen eine klare Message an die Welt richten wie der Islam auszuleben sei. Die Kunst, der Tanz und das unbeschwerte Leben, dass der Koran angeblich begrüße, müsse gezeigt werden. Ob Bescheidenheit und Zurückhaltung nicht gewissermaßen geboten werden, fragte Özdemir und man zwischen Reichtum und übermäßigem Konsum nicht unterscheiden müsse? Nein, auch das sei vollkommen falsch verbreitet worden. “Wir drücken unsere Verbundenheit zu Gott mit solcherlei Festlichkeiten und über Glanz und Gloria aus”, so die Mädels. Der Frage des Journalisten wie viele Verbeugungen (Rakats) das Nachtgebet habe, gehen die vermeintlich tiefgläubigen Mädchen mit rhetorischen Kunststücken aus dem Weg. Warum? Weil sie es nicht beantworten können.

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