Beleidigen und beleidigt werden. Für den StandUp-Comedian Serdar Somuncu eine gesellschaftliche Tatsache, welche sich nicht abschaffen lässt. Aber ein Gleichgewicht ist demnach durchaus möglich. Man sollte eben die Masse beleidigen. Die Comedy gleicht in seiner Welt einer Nahrungskette, in der jener an der Spitze steht, der dem Tabubegriff ein Ende setzt. Comedy, Kunst und Satire dürfen alles. Wirklich?

Es ist nicht gerade die kennzeichnende Eigenschaft einer Fangemeinde sich von seinem Idol oder angehimmelten Künstler plötzlich in tiefer Entäuschung abzuwenden. Denn Fans stehen einem im Normalfall immer zur Seite, egal wie schwer das Versagen des Akteurs wiegt. Im Falle des türkischstämmigen Kabarettisten und Schriftstellers Serdar Somuncu gelten jedoch keine allgemeinen Regel. Man gucke nur auf die “Klagemauer”, das als Bereich für Leserbriefe auf Somuncus offizieller Website eingerichtet wurde. Hier wird ordentlich weiter beleidigt und provokativ kritisiert wie es einst der “Hassprediger” seinen Sympathisanten nahe gebracht hatte.

Und wer noch nie gehasst hat kann sich im Rahmen skandalträchtiger Auftritte einen Exkurs zur politisch korrekten Beleidigungsrhetorik über sich ergehen lassen. Bis er merkt: Hey, Hass ist doch was Geiles. In der Hörprobe zu seinem Projekt H2 Universe ermutigt er seine Zuhörer gelassen dem Rassismus gegenüberzutreten. “Der Rasissmus wird euch von den Ketten befreien, ihr müsst euch mir überlassen, ihr braucht keine Angst haben”. Natürlich wollen wir nicht vergessen hinzuzufügen, dass er in mehreren Shows bereits erwähnt hat, dass er eine bestimmte “Rolle” spiele. Aber das regelfreie Kaberett Somuncus birgt Hass und Elend und wird seinem sachlichen Mantel entblößt, als sprachliches Kriegsinstrument dargestellt.

Fast unkommentiert und bereit wie eine Keimzelle in kranke wie gesunde Geister einzudringen, um dann die Fähigkeit des Urteilsvermögens in seiner Urgestalt zu entstellen. Aber warum überhaupt sollte Hass der chronischen Bildungsfaulheit unserer Gesellschaft dienlich sein? Somuncu sieht das so: ” Es wird beleidigt, unzwar flächendeckend. Aber nicht um Leute zu kränken, nein, sondern um die Kränkung abzufedern, die dann entsteht, wenn nur einer beleidigt wird und keiner ihn in Schutz nimmt”. Also die Kränkung auf die nötige Fläche multiplizieren, anstatt sie zu bekämpfen. Relativieren statt Erkennen.

Und die Erkenntnis Somuncus ist genauso wenig wissenschaftlich wie religiös. Was die Religion angeht hat er ein besonders vernichtendes Urteil, die dem grundsätzlich sinndurchdrungenen deutschen Kabarett einen taktlosen Charakter verleiht. Seine Ansätze gleichen einer Reformation auf unterhaltungskulteller Ebene, das zu mehr Hass ermutigt. Dilettantische Werkelei am Grundgerüst moralischer Auffassungen, denen Jahrhunderte von Philosophie und Kunst vorausgegangen sind.

Nicht berücksichtigt sind dabei unter anderm politisch unreife Rezipienten die seine Worte gerne aus dem Kontext herausgerissen wiedergeben. Der Islam wird von Somuncu gerne als themengstaltende Lachnummer missbraucht. Die Religion sei ein Regelwerk der Asozialen, wiewohl Religionen seit Menschengedenken als Antrieb sozialer Gemeinschaften gedient haben. Und genau hier stellt er unbewusst unter Beweis, dass seine Gedanken in sich unstimmig sind. Denn Somuncu fordert unwillkürlich Regelungen für den reibungsarmen Ablauf im sozialen Gefüge, in dem er spezifische Hindernisse aufgreift und behandelt. Aber einen Gott der dem Menschen Empfehlungen ( und das sind keine Regeln) nahelegt, lehnt er ab.

Religion als Todsünde innerhalb zivilisatorischer Grundzüge. Aber gab es da nicht so ein ungeschriebenes Gesetz, dass Religionsfeinde im Grunde sehr gläubig sind? Denn gerade sie beschäftigen sich nahezu krankhaft damit. Nach seiner Auslegung waren also die größten Köpfe der rationalistischen Denkkunst in  Europa wie beispielsweise Decartes, Leibniz, Goethe und Einstein alles andere als sozial. Es drängt sich vor allem der Verdacht auf, dass Somuncu die schrittweise Entwicklung der Bedeutung von Religionen in der turbulenten Geschichte Europas mit dem der in der Hochblüte des Islams verwechselt. Vor allem die Zeit der Aufklärung weist keine Parallelitäten zur historischen und zivilisatorischen Entwicklung islamischer Völker und der damit zusammenhängenden Haltung zwischen Religion und moderner Anschauungen.

Seit dem Somuncu vermehrt im Öffentlich-Rechtlichen auftritt, wird ihm neuerdings System- und Medienhurerei vorgeworfen. Eine seiner damaligen Anhänger schreibt:
“Ich habe Sie als Kabarettisten und Comedian sehr geschätzt. Sie haben immer Eier bewiesen und es geschafft Zuschauer zum Lachen und zum Nachdenken gleichzeitig zu bringen. Nun. Ich weiß nicht genau wann der Schnitt war – mir ist allerdings aufgefallen, dass, seitdem Sie sich immer mehr mit den Öffentlich-Rechtlichen kurzgeschlossen haben, Sie genau so eine Medien-Hure geworden sind, wie Sie sie es zu Ihrer besten Zeit immer kritisiert haben”. Man kann eben nicht immer erfolgreich hasspredigen.

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