2015 veröffentlichte die britische Zeitung Daily Mail einen äußerst erschütternden Artikel mit dem Titel „Ist Alzheimer ansteckend?“. Noch ehe eine wissenschaftliche Stellungnahme, die der Panik hätte entgegenwirken können Gehör fand, ging diese Neuigkeit wie ein Lauffeuer durch das Land. Kurz darauf meldete sich der Neurologe John Collinge und beruhigte die besorgten Leser. Er hatte zuvor im Magazin Nature die Ergebnisse seiner neuesten Untersuchungen zu Alzheimer veröffentlicht und damit eine Welle der Aufregung ausgelöst. “Unsere Studie zeigt nicht, dass die Alzheimerkrankheit tatsächlich ansteckend ist”, betonte er.

Wie konnte ein solches Gerücht entstehen? Zurück zum Anfang: Ein Team von Pathologen um den Neurologen John Collinge hatte im Jahr 2015 bei der Obduktion von vier Leichen bemerkenswerte Beobachtungen an den Gehirnen der Verstorbenen gemacht. Auffällig waren die Vernarbungen. Außerdem waren die Gehirne übersät mit weißlichen Plaques. Zu erwähnen ist, dass die Patienten zuvor mit Wachstumshormonextrakten aus dem Körper Verstorbener behandelt worden waren. Von 1963 bis 1985 war die Gewinnung von Wachstumshormonen aus der Hypophyse (Hormondrüse) von Toten erlaubt, bis das sogenannte Somatropin von 1985 an rekombinant hergestellt werden musste. Doch was hat es mit den Plaques auf sich? Unter den organischen Verbindungen, den sogenannten Peptiden, die durch den Stoffwechsel erzeugt werden, gibt es auch neurotoxische. Aß40 und Aß42 sind solche Peptide, denen die Urheberschaft der Alzheimererkrankung zugeschrieben wird. Im Gehirn lagern sich diese unerwünschten Peptide als senile Plaques ab. Diese extrazellulären Ablagerungen von Beta-Amyloid in der grauen Hirnsubstanz, zu dem die zwei Peptide gehören, sind Gegenstand der Alzheimerforschung.

Die Verhinderung dieser Ablagerungen stellt den Kampf gegen das Vergessen dar. Alles nichts Neues. Neu dagegen war das Gerücht um eine mögliche Ansteckung von Alzheimer, das kurze Zeit für Unruhe und Angst sorgte. Später stellte sich auch heraus, dass einige dieser Wachstumsextrakte mit Prionen, also organischen Toxinen, die auch als fehlerhaft gefaltete Proteine bekannt sind, kontaminiert waren. Prionen verursachen unter anderem die tödliche Creuzfeldt-Jakob-Krankheit. Die Situation ließ für Collinge nur einen einzigen Schluss zu. Die Plaques müssen bei der Injektion der Wachstumshormone mit den Prionen übertragen worden sein. Das würde bedeuten, dass die Gefahr einer Übertragung von Keimen des Beta-Amyloidproteins bei den meisten medizinischen Eingriffen wie Bluttransfusionen oder Organtransplantationen besteht.

Die wilden Gerüchte sind nach der Stellungnahme Collinges verschwunden. Aber die Frage, ob Beta-Amyloidproteine übertragen werden können oder nicht ist nach wie vor ungelöst. Weiter stellt sich auch die Frage, inwiefern defekte Proteine, die als Amyloide bekannt sind , Eigenschaften von Prionen aufweisen. Zumindest sprechen Collinges Daten für eine solche Theorie. Zu klären ist weiterhin auch, wie Amyloidproteine aussehen und ob unterschiedliche Stämme existieren die als besonders gefährlich gelten könnten. Für sichere Stellungnahmen ist es nach Ansicht einiger Wissenschaftler jedoch zu früh. Die Zahl der an der Studie beteiligten Patienten sei verschwindend gering. Es gäbe keinen eindeutigen Hinweis darauf, dass Amyloid-Seeds (Keime) tatsächlich Krankheiten übertragen können oder dass Amyloide sich im Gehirn wie Prionen ausbreiten, so der wissenschaftliche Direktor des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen Pierluigi Nicotera in Bonn.

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