Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und der damit zusammenhängenden Herausforderung im Umweltschutz sind politische Debatten zu ökologischen Fragen in allen sozialen Schichten angekommen. Doch der Begriff wird inflationär gebraucht und politische Zielsetzungen fehlerhaft angegangen. Darüber hinaus herrscht der Irrglaube, dass unser Ökosystem erst seit dem Beginn der industriellen Revolution beeinflusst wird. Eine Geschichte über Mensch und Natur.

 

Der globale Fortschritt der Industrie und der Wettkampf um die wirtschaftliche Vormachtstellung jener Länder, welche noch vor nicht all zu langer Zeit zur 2. oder gar zur Dritten Welt gezählt wurden, zentralisiert die länderübergreifende Ökopolitik in den vertraglichen Bedingungen wirtschaftlicher und organisationaler Beziehungen. Seit langem beteuert die weltweite Umweltpolitik den akuten Zustand der Erderwärmung und Luftverunreinigung. Und nicht jeder Staat der sich dem vereinten Kampf gegen ökologische Belastungen verpflichtet, hat dies vorbildlich getan. Oft blieb es bei einem theoretischen Entwurf auf dem Papier. So ein Wirtschaftspartner ist beispielsweise China. Nach Angaben der Friedrich-Ebert-Stiftung sind die Gesetzgebungen zum Umweltschutz musterhaft. Jedoch behindern Korruption in Wirtschaft und Politik eine effiziente Umsetzung.

Und spätestens seit dem die Chinesen und anderen asiatischen „Aufschwungstaaten“ mit ihrer Produktpalette in deutschen Elektronikmärkten dominieren und heimische Traditionshersteller in die Knie zwingen, wird die Frage nach der Zukunft des globalen Ökosystems immer lauter. Denn die zur Wirtschaftsmacht strebende Volksrepublik hat einen beeindruckenden Emissionsausstoß. Nicht nur das. Wälder werden zunehmend zerstört und der Artenschwund setzt sich fort. Internationale Umweltabkommen und die häufig betonten Umweltveränderungen der Vereinten Nationen haben dazu geführt, dass Umweltfragen bis in unseren privaten Bereich vorgedrungen sind und eine völlig neue soziale Dimension in einer sich emanzipierenden und nach Transparenz strebenden Gesellschaft erreicht haben. Dennoch gehen wir mit dem zuweilen alarmierenden und stark wertenden Begriff Ökosystem sehr laienhaft um.

Zunächst denken wir an Abgase, Abwässer und synthetischen und hochgiftigen Müll der unsere Umwelt und damit auch das Ökosystem belastet. Damit ist es zum Schreckensbegriff mutiert. Nicht zuletzt ist es auch unsere Gesundheit um die wir uns vermehrt sorgen machen. Neben der falschen Auffassung und Verwendung des Begriffs Ökosystem, das in wissenschaftlicher Sicht streng wertfrei gehalten wird, ist es auch die falsche Annahme, dass ökologische Fragen eine Angelegenheit der Industrialisierung sind und lediglich in die Zeit der ersten Anfänge industriellen Fortschritts eingegrenzt werden. Letzteres betonen Wissenschaftler um Nicole Boivin, Direktorin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Wissenschaftlerin an der Universität Oxford. Eine zuletzt in der Fachzeitschrift PNAS von Boivin veröffentlichte Studie macht klar, dass die gesamte Umweltpolitik an einem nicht wieder umzukehrenden Prozess klammert und somit wesentliche Aspekte ausblendet. Eines davon wären die archäologischen Aspekte.

Die Zusammenschau archäologischer Daten der letzten 30 Jahre zeigt, dass Jagd, Landwirtschaft und Handel der letzten Jahrtausende einen erhebliche Einfluss auf die Landschaften unserer Erde ausgeübt haben. Dabei spielen die Domestizierung der Tiere und die Verteilung verschiedenster Pflanzen- und Tierarten eine tiefgreifende Rolle. Was letzteres angeht, wurden viele der heute bekannten Pflanzen- und Tierarten durch unsere Vorfahren begünstigt. Die Forscher stützen ihre Publikation nicht nur auf aktuelle Datensätze von historischer DNA und RNA , sondern auch auf Mikrofossilien, Isotopen und auf spezifische Berechnungsverfahren. Schlussendlich fasst das Forschungsteam zusammen, dass „wir in Anbetracht dieser und anderer Belege für langfristige anthropogene Veränderungen eher pragmatische Lösungen für den Naturschutz suchen sollten, statt das unerreichbare Ideal „natürlicher Bedingungen“ anzustreben“.

Die Forscher teilen die Geschichte des von Menschen beeinflussten Ökosystems in vier Phasen ein. Das ist zuerst die Ausbreitung der Menschen im späten Pleistozän vor rund 2,5 Mio. Jahren, die neolithische Verbreitung der Landwirtschaft, die Ära der Endeckung und Besiedlung von Inseln und der Beginn städtischer Gesellschaften und weltweiter Handelsbeziehungen. Dabei hatte die Besiedlung von Inseln und die gleichzeitige Umsiedlung von Arten eine solche Tragweite für die Veränderung des Ökosystems, dass Archäologen von „transportierten Landschaften“ sprechen. Somit wurden einheimische Tierarten durch eingeschleppte Fressfeinde bedroht. Bedeutend ist auch die Bronzezeit, das durch den wachsenden Handel, ausgeprägter Landwirtschaft und wachsender Bevölkerung einherging. Kulturpflanzen wie Oliven, Trauben und Feigen wurden eingeführt und der Wald musste dem Kulturland weichen. Aus diesem aber auch aus zahlreichen anderen Gründen hält Nicole Boivin archäologische Befunde für wichtig. Diese würden die Intensität des Einflusses des Menschen auf seine Umwelt zeigen. „Wenn wir genauer wissen wollen, wie wir am besten unsere Natur schützen und Arten erhalten können, müssen wir unsere Perspektive ändern. Vielleicht sollten wir mehr darüber nachdenken, wie wir saubere Luft und frisches Wasser für künftige Generationen sichern können, als darüber, wie wir die Erde in einen ursprünglichen Zustand zurückführen können. Dafür haben die Menschen einfach zu lange das Ökosystem geprägt,“ konkretisiert Boivin.

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