Die Alzheimer-Forschung der letzten Jahre und die wachsende Thematisierung in den verschiedensten Medien haben die einst tabuisierte Erkrankung des Gehirns in die Mitte offen diskutierter gesellschaftlicher Themen gerückt. Der fachgerechte Umgang mit Alzheimer setzt eine richtige und vor allem frühzeitige Diagnose voraus. Und genau dies geschieht nach Ansicht von Dr. Klaus Weil vom ST. Franziskus Hospital in Flensburg nicht ausreichend genug. Die Tatsache, dass die Diagnose durchschnittlich erst im vierten Jahr der Erkrankung erfolgt, gibt ihm recht. Selbst Fachärzte wie Psychiater oder Neurologen kommen bei der korrekten Diagnose einer Alzheimer-Demenz an ihre Grenzen. Das zeigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2008. Diese Statistik lässt sich unschwer an veröffentlichten Zahlen bestätigen. Demnach bleiben 97 Prozent der leichten Demenzen und 50 Prozent der mittelschweren von Angehörigen und Ärzten unerkannt. Lediglich 40 Prozent der Alzheimer-Demenz Verdachtsdiagnosen ließen sich durch eine differenzierte neuropsychologische Untersuchung bestätigen, während bei den anderen 40 Prozent gar keine Demenz festgestellt werden könne und die restlichen 20 Prozent eine andere Demenzform aufwiesen.

Dr. Weil sieht den Grund für die hohe Rate der Fehldiagnosen an der mangelnden Zeit, welche eine gründliche Fremdanamnese erfordert, nicht in der mangelnden Kompetenz der Ärzte. Ganz anders bei den Tageskliniken, wo die diagnostische Sicherheit bei etwa 90 Prozent liegt. Die Forschung arbeitet mit Hochdruck an Diagnosemodellen, welche eine frühstmögliche Feststellung der sich anbahnenden Erkrankung ermöglichen sollen. Die verspätete Diagnose engt die Therapiemöglichkeiten deutlich ein. Forscher arbeiten an spezifischen Biomarkern und Verfahren, die bereits vor Ausbruch der Symptome entsprechende Hinweise geben sollen. Derzeit steht der Alzheimer-Diagnose lediglich die Erkennung der Symptomatik zur Verfügung. Weitere Biomarker wie Atrophie oder der τ-Konzentration im Liquor sichern die Diagnose zusätzlich. Zur frühen Entwicklung der Krankheit gehört die Amyloidose. Sie bezeichnet die Ablagerung von abnorm mutierten Proteinen (β-Amyloid) im Gehirn. Diese akkumulieren zu Plaques, so wie das τ-Protein auch.

(Aβ) und phosphoryliertes τ-Protein die in der Cerebrospinalflüssigkeit bereits 15 bis 20 jahre vor Ausbruch der Symptome auftauchen, lassen sich im Liquor nachweisen. Zu den spätesten Biomarker gehören die Strukturveränderungen im Gehirn infolge der Neurodegeneration. Mittels Magnetresonanztomografie (MRT) lassen sich verschrumpfte Areale darstellen, so Westman. Amyloid-Plaques als auch τ-Fibrillen lassen sich zudem von bildgebenden Verfahren darstellen. Die Ablagerungen werden durch radioaktive Tracer, welche sich an Proteine binden, sichtbar gemacht und können in den Aufnahmen der Positronenemissionstomografie (PET) erkannt werden. Die Entwicklung verschiedenster Erkennungsverfahren könnte später genaueste Diagnosen in unterschiedlichen Stadien zulassen. Westman und seine Arbeitsgruppe entwickelten ein Modell, bei dem es möglich ist, durch die Auswertung verschiedener Variablen zwischen einem Alzheimer-ähnlichen und einem gesunden Merkmalmuster zu unterscheiden. Durch die sogenannte „automatisierte Diagnose“ lässt sich die Wahrscheinlichkeit über eine bevorstehende Alzheimer-Demenz vorhersagen.

Das Modell wird derzeit an größeren Populationen getestet. »Ein Problem ist, dass nicht genau bekannt ist, was pathologisch ist und was einem normalen Alterungsprozess entspricht«, berichtete Westman. Das Modell stellt eine Hoffnung in der fortgeschrittenen Frühdiagnose der Alzheimer Pathogenese dar. Der Mediziner ergänzt, dass das Modell ausschließlich die Strukturveränderungen im Gehirn erfasse, was nur ein Puzzleteil der Pathogenese darstelle. Andere Biomarker, vor allem die Liquor-Biomarker, träten deutlich früher auf. Die Frühdiagnose eröffnet den Weg zur Sekundärprävention. Hier könne durch Bewegung und kognitives Training vielen Risikofaktoren wie Depression, Diabetes Mellitus und Übergewicht entgegengetreten werden, so Dr. Sebastian Köhler von der Universität Maastricht. Veränderungen im Gehirn und die Beeinträchtigung des Glucosemetabolismus in der Hirnrinde, Entzündungen und das Absterben von Synapsen, gehen der Verminderung kognitiver Funktionen voraus. Professor Dr. Eric Westman vom Karolinska Institut in Stockholm klärte in der Tagung darüber auf, dass diese Prozesse sich für eine gezielte Frühdiagnose methodisch erfassen lassen. Während bei der Hälfte der Patienten eine Therapie den Fortschritt der Krankheit um 12 bis 18 Monate verzögern kann, gäbe es bei der anderen Hälfte keine therapeutischen Möglichkeiten. Der schädliche Prozess der neurodegenerativen Erkrankung, der in Form eines langen Vorlaufs schon 25-30 Jahre vor Auftreten der Symptome beginnt, führt nämlich im späten symptomatischen Stadium zum endgültigen Verlust von Nervenzellen.

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