Das Technologieunternehmen IBM verkündet schon länger eine bevorstehende Wende in der Medizin. Genauer in der Diagnosestellung und Behandlung verschiedenster Krankheiten durch das intelligente Assistenzsystem Watson. Dem an Datenmasse unaufhaltsam zunehmenden Computerprogramm, ist es mittels hunderter Algorithmen und semantischer Aufnahmefähigkeit von Informationen in das künstliche Wissens-Netzwerk möglich, selektive und sinngemäße Informationen zu komplexen Zusammenhängen in natürlicher Sprache zu liefern. Denn lediglich 20% des Wissens der Ärzte, so eine Studie von IBM, seien evidenzbasiert. Ein schwerwiegender Grund für die Häufigkeit falscher oder unvollständiger Diagnosen. Watson jagt Informationen nicht nur starr durch Algorithmen, sondern ist fähig durch Bewertungen, Vergleiche und hypothetische Schlussfolgerungen zielgenaue Hilfestellung im Behandlungsprozess zu geben. Alles in der besonderen Qualität der natürlichen Sprache. Das kognitive System bewältigt die Datenflut zur besseren Nutzung und ermöglicht neue Erkenntnisse aus polystrukturierten Informationen.

Nun steht die Technologie vor ihrem ersten Testeinsatz beim deutschen Krankenhausbetreiber Rhön-Klinikum AG (RKA), einem der größten Gesundheitsdienstleister Deutschlands. Das Pilotprojekt wird vom IBM Research in Zürich geleitet, dem europäischen Zweig der IBM Forschung. Rund 15.000 Mitarbeiter sind im spezialisierten Klinikum mit direkter Anbindung zu Forschungseinrichtungen beschäftigt. Dort soll das System ab Ende 2016 am „Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen“ (ZusE) des Universitätsklinikums Marburg, die Diagnosefindung und Behandlungszeit von hunderten Patienten pro Jahr verkürzen. Die Rhön-Klinikum AG und IBM entwickeln in gemeinsamer Arbeit innerhalb eines 12-monatigen Pilotprojekts ein kognitives Assistenzsystem. Beteiligt sind Spezialisten aus Technik und Medizin beider Unternehmen. Durchgeführt wird das Pilotprojekt neben IBM Research von Entwicklern des IBM Global Business Services (GBS) und Designern des IBM Interactive Experience Team. Ziel ist die verbesserte Behandlungsqualität und Ablaufoptimierung.

Gerade für das ZusE, das seit seiner Eröffnung im Jahr 2013 enorme Datenmengen von tausenden Patienten hortet, die bereits eine lange Behandlungsgeschichte hinter sich haben, ist das Assistenzsystem ein Hoffnungsträger. Das Zentrum wird von Daten aus Labortests, radiologischen Untersuchungen, klinischen Berichten und pathologischen Berichten und Arzneimittelverschreibungen regelrecht überhäuft. Die konventionelle Diagnosestellung mittels umfassender Anamnese, Sprechstunden und der Krankenakte kann mehrere Tage in Anspruch nehmen. „Wir erwarten, dass das IBM Watson-System uns in mehrfacher Weise unterstützt. Wir hoffen, dass es uns hilft, unsere tägliche Arbeit nicht nur schneller, sondern auch besser zu erfüllen, in dem es eine Reihe von Prozessen vereinfacht“, erklärte Prof. Dr. Schäfer. Das Watson-System speist sich fortlaufend aus der Interaktion mit Daten und Benutzern. Daher wird geschätzt, dass sich die Datenmenge bezüglich medizinischer Kenntnisse bis 2020 alle 73 Tage verdoppeln wird.

Prof. Dr. Bernd Griewing, Medizinvorstand der Röhn-Klinikum AG, sieht in Watson das große Versprechen zur evidenzbasierten und individuell optimierten Behandlung eines jeden Patienten. Griewing erklärt, dass das entwickelte Assistenzsystem die Ärzte dadurch unterstützen soll, in dem es die Bereitstellung und Evaluierung der Krankenakten vor und auch während der Konsultation erleichtert. Die im Rahmen des Projekts von Patienten ausgefüllten digitalen Fragebögen werden anonymisiert vom IBM Bluemix Cloud empfangen. Hier werden die eingegangenen Informationen geordnet. Ein spezieller Algorithmus verarbeitet Informationen in deutscher Sprache mit dem englischsprachigen Datenbestand im IBM Watson Explorer. „Mit Hilfe von Cognitive Computing erstellen wir eine Liste von Hypothesen, die dann den Ärzten vorgelegt wird. Die Liste enthält auch die Quellen, auf Grund derer die Hypothesen erstellt wurden, um so eine auf einer umfassenden Datenbasis fußende Diagnose zu ermöglichen“, erklärt Dr. Matthias Reumann, Projektleiter bei IBM Research – Zürich.Ergebnisse und Erfahrungen des Pilotprojekts sollen nach einer entsprechenden Auswertung auch anderen Kliniken der Gruppe zugänglich sein. Der Einsatz des Assistenzsystems ist auch in der vorklinischen Phase zur versorgungsgerechten Patiennavigation in ambulanten oder stationären Bereichen vorgesehen.

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