Phänomen Masse Was in diesem Jahr besonders augenfällig ist, ist der ungewöhnlich starke Bezug Deutschlands zu inneren Angelegenheiten der unzähligen Konfliktstaaten, insbesondere des Nahen Ostens und des ferneren Westens, die Türkei mit eingeschlossen. Während lange Zeit bewaffnete Konflikte direkt mit der Verantwortung, den Interessen der Bundesregierung und damit der Sicherheit des Landes in Verbindung gebracht wurden, geht man heute einen Schritt weiter. Oder besser, der Bürger geht weiter. Er macht sie zum Nachbarschafts- und Umgebungsproblem und somit in der dramatischen Folge zum Identitätsproblem. Während die Gemeinschaft Europa kein Rückgrat in außenpolitischen Verhandlungen mehr zeigt oder zeigen kann, versucht die Bundesregierung die letzten Fetzen demokratischer Erscheinungen im Ausland zu verteidigen. So als wollte sie sagen: „Ja, ja …wir wissen noch wie es geht….siehe da, ein Stückchen Demokratie“. Bedroht in ihrer Konstitution von einer noch nie dagewesenen Form populistischer Einwirkung, die sich aus der Ursuppe des Internets zu einem störrischen Ungestüm zusammengetan hat, jenseits der verbrecherischen Boulevardpresse. Blinde, Parolen brüllende und von den beklagten Machenschaften des Staats übersättigte Zornbürger.

Ein großer Teil sieht die Konflikte der Gegenwart tief in der Missachtung des Deutschen Reichs verwurzelt und hat sich entschlossen, von nun an Reichsbürger zu sein, ein anderer schiebt die Urheberschaft dem Islam und der Einwanderung zu. Und immer ist es die Masse. Man identifiziert sich, politisiert sich, gibt seiner Haltung Sinn und Ursprung. Das schafft neue Lebenseinstellung und eine ganz neue Selbstverwirklichung. Der Brexit und die US-Präsidentenwahl sind wohl die markantesten Beispiele jüngster Zeit. Es sind Auswüchse einer starren traditionellen Haltung, gegenüber allem, was das eigene Verständnis übersteigt. Dabei bedienen sich jene, die den gegenwärtigen Ereignissen und Aufgaben mit Ablehnung begegnen, nicht einmal argumentativer Ansätze. Das wäre derzeit eine Überschätzung der intellektuellen und diplomatischen Fähigkeiten konservativer Hassverbreiter. So zum Beispiel der blauen Nazis. Sie ignorieren einfach. Ein irrsinniges Geflecht aus interessengeleiteten Verschwörungstheorien, unzureichender Bildung, aktionistischer Massenbewegungen und der Übertragung persönlicher Probleme auf allgemeine Belange, lässt eine Meute von Idioten zu Wort kommen. Begrifflichkeiten und wissenschaftliche Terminologien werden ihrem Platz entrissen und missbraucht, Tatsachen verdreht und Hintergründe ausgeblendet. Ausblenden und Ideologien statuieren, das sind die Rahmenbedingungen.

Dazu ist es nötig, die Geschichte dem Zusammenhang der Gegenwart zu entreißen. Verleumden und Uminterpretieren. Alle auf geschichtlichen und philosophischen Untersuchungen bauenden Theorien, moralische und intellektuelle Konsequenzen in einen falschen Kontext bringen. Egon Friedell, ein vielseitig begabter Journalist und Philosoph aus Österreich, hat sich in seinem epochalen Werk Kulturgeschichte der Neuzeit“ zur Enthaltung persönlicher Urteile in der Geschichtsschreibung geäußert. Deshalb so interessant, da sich herauslesen lässt, dass der Mensch nicht nur unheilbar urteilende Wesen ist, sondern auch einen krankhaften Drang in seinem Wesen trägt, „alle Tatsachen, die in seinen Gesichtskreis treten, zu interpretieren, zu beschönigen, zu verleumden, kurz, durch sein ganz individuelles Urteil zu fälschen und umzulügen, wobei er sich allerdings in der exkulpierenden Lage des unwiderstehlichen Zwanges befindet“. Man wagt es zu unterstellen, dass solche Herangehensweisen noch vor ein paar Jahrzehnten nicht möglich gewesen wären. Die Bildung von Netzwerken hat eine neue Dimension erreicht. Sie ist explosiv und birgt politische Schlagkraft. Die Urteilskraft und Fähigkeit, die eigene Umwelt zu analysieren, wurden nach und nach durch den Drang der Selbstdarstellung und opportunistischer Fügungspolitik substituiert. Vom Weltinteresse zum Egoismus und von dort wieder zur Masse. Dabei beansprucht jeder für sich den vielmehr persönlichen, als aus einem Interesse für das Gemeinwohl motorisierten Meinungsvorsprung, und das mit schwerwiegenden Folgen. Das politische Wirken als Individuum hat sich als Vorstellung vom Demokratieverständnis der Menschen immer weiter distanziert. Für den durchschnittlichen Bürger ist das lediglich der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Aufschrei in Gruppierungen und Massenbewegung sind vielversprechende Instrumente. Digitale Plattformen sind der perfekte Nährboden für politische und ideologische Formationen vielfältigster Art. Wir scheinen mehr Herden-Wesen zu sein, als uns lieb ist.

Schnell ist eine allgemeine Parole formuliert, die sich in die emotional angespannten Gemüter einnistet und ein Feuer entfacht. Dabei kann sich jede Ideologie einer breiten Auswahl an Instrumenten bedienen. Angefangen von der klassischen Angstpolitik, welche perfekt in aktuelle Ereignisse platziert wird, bis zu plakativ flachen Reimen, welche sich im Internet verbreiten und Tiefsinnigkeit suggerieren. Täuschung ist keine Kunst mehr, und sei sie noch so offensichtlich gestaltet oder gar als Täuschung etikettiert. Plakat ist ein sehr geeignetes Wort, um das Bildungsverständnis einer breiten Masse hierzulande zu beschreiben. Differenzierungen oder gar spezifische Rückblicke in die Vergangenheit sind nicht zeitgemäß. Wirksamer sind da die einfachen Bilder, klar verständlich, schnell deskripitiv und vor allem aufstachelnd. Eben ein Plakat. Diese fiktiven wie auch echten Plakate haben so manche Menschen ihrer unvorbelasteten Herangehensweise in der Beurteilung kulturell und politisch bedingter Ereignisse beraubt. Thilo Sarazzin, Hendrik M. Broder und Frauke Petry sind die Himmler und Hitler unserer Zeit. Und Neonazis jene, die an einer verschönernden und massentauglichen Auslegung des Faschismus feilen. Sie kommen aus allen möglichen Riegen, aus Wissenschaft und Handwerk. In Gang gesetztes Massenverhalten war es, welches im politischen Haushalt auch hierzulande ordentlich umrührte. Verfassungsfeindliche Ideologien sind es, die ihre Dynamik in der Masse finden. Schaut man durch die Brille eines Forschers, ändert sich die Ausgangslage. Die Wissenschaft beobachtet das Phänomen der Massenbewegungen aus einer ganz anderen Perspektive. Ganz anders als Behörden und Verfassungsschutz, sieht die Wissenschaft darin eine richtungsweisende Grundlage, Verhaltensweisen von Gruppen zu berechnen, vorherzusagen und schließlich Einfluss darauf zu nehmen. Denn der Mensch bietet durch seinen Hang zum gemeinschaftlichen Auftreten reichlich Grundlage. Neben den sozialen Netzwerken bieten viele andere Situationen die große Versuchung, sich einer Masse anzuschließen. Großveranstaltungen, Proteste, Konzerte und auch Straßenverkehr.

Dazu der Inhaber des Lehrstuhls für Angewandte Numerische Analysis der TU München, Professor Massimo Fornasier: „Als Masse verhalten sich Menschen durchaus ähnlich wie Teilchen von Flüssigkeiten oder Gasen“. Die Mathematik soll also, wie schon lange von der Forschung erträumt, das Verhalten von Gruppen berechenbar machen. Anders als beim Individuum, dessen Verhalten durch abwechselnde Einflüsse in Psyche und Emotionen bedingt ist, lässt sich das Gruppenverhalten, ähnlich wie große Mengen von Gasmolekülen, anhand durchschnittlicher Eigenschaften berechnen. Denn in der Physik, so das wissenschaftliche Urteil, müsse man nicht die genauen Eigenschaften eines jeden Teilchens kennen, um Bewegungsrichtungen großer Mengen von Gasmolekülen bestimmen zu können. Dieses Gesetz möchten die ambitionierten Münchner Forscher der Technischen Universität nun auf Menschenmassen übertragen. „Analog zu den Anziehungskräften zwischen Molekülen eines Gases können wir generalisierte Verhaltensmuster als wechselseitige Kräfte zwischen einzelnen Agenten beschreiben und sie so in mathematischen Gleichungen abbilden“, konkretisiert sich der Professor. Letztendlich müssen wir doch auf Zahlen zurückgreifen, um der absterbenden Handlungsfähigkeit großer Massen entgegenzuwirken.

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