Das massenhafte Flüchten aus den geisterhaften und zerstörten Gebieten Syriens ist Brennstoff für die sich weiter verschlimmernde humanitäre Katastrophe. Ohne die Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen gäbe es keinen Schimmer Hoffnung für die von Ruinenlandschaften umgebenen, verzweifelten und hilflosen Menschen. Das Deutsche Rote Kreuz bezeichnete die Lage in weiten Teilen Syriens als die größte Katastrophe seit Jahrzehnten und die Hilfsorganisation Unicef als den schlimmsten Ort der Welt.

Unicef hat in Syrien derzeit einen seiner größten Einsätze seit seiner Gründung. 12, 8 Millionen Menschen haben die Flucht aus dem Feuerkessel ergriffen, über 250.000 Menschen wurden durch pausenlose Angriffe getötet. Die Folgen von Flucht und Zerstörung führten zum verheerenden Zusammenbruch der Infrastruktur und erschweren damit die Logistik für Hilfsmaßnahmen. 50 % der Gesamtbevölkerung sind nach Angaben der Vereinten Nationen auf permanente Hilfe durch Hilfsorganisationen angewiesen. Auch die medizinische Versorgung und das Bildungssystem sind durch die Massenflucht dauerhaft zusammengebrochen. Zwei Millionen Kinder können die Schulen aufgrund massiver Zerstörungen nicht besuchen. Die Zerstörung dieses Landes ist statistisch gesehen kaum mit Zahlen zu benennen. Der Schaden ist so hoch, dass die Forscher mit Hilfe des Satelliten lediglich eine grobe Einschätzung abgeben können. Der Wiederaufbau würde drei Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Doch das ist nur ein Bruchteil der Katastrophe. Es sind nicht nur Schäden die aus der Luft ins Auge fallen, sondern auch das Fehlen von Kräften durch Massenflucht. Diese Flucht geht in alle Richtungen und verschärft gleichzeitig unaufhaltsam die Lage in angrenzenden Ländern.

Der zwischen der Türkei und Russland ausgehandelte Waffenstillstand ist zerbrechlich und führt zur Frage nach der Zukunft Syriens. Was ist von dieser vereinbarten Waffenruhe zu erwarten und welche Zukunft steht der Assad-Regierung bevor? Es gibt einen enormen Hass gegen Assad und er sollte gerade in diesen Tagen besser keine groben Fehler machen, so Jennifer Leaning, Harvard Expertin für gesundheitliche Auswirkungen des Krieges und Professorin in der humanitären Hilfs- und Forschungsorganisation des Francois-Xavier-Bagnoud Centers. Sie ist eine von drei Leitern der sogenannten Lancet-Kommission, die eine 15-monatige Studie mit dem Fachmagazin Lancet zu Kriegsfolgen für Gesundheit und Gesellschaft leitete. Die Professorin schildert unter anderem die erschwerte bis kaum machbare Rehabilitation Syriens aufgrund der brutalen Zerstörung von Krankenhäusern, Ausbildungszentren und Universitäten. Denn die Hälfte der Bevölkerung sei jetzt in Flüchtlingszentren oder aus Syrien vertrieben. Pfleger und Ärzte inbegriffen.

Leaning hat nüchterne Prognosen für die Zukunft Syriens. Die politische Lage finde keine klare Richtung und sei instabil. Es könnte, so Leaning eher eine leblose Stabilität geben, statt richtigen Frieden. Nach derzeitigem Wissen Leaning`s verachte das verbliebene Volk Assad. Die Menschen seien erstarrt. „Leute die ich aus den mäßigen Lagern kenne berichteten mir, dass es einen erheblichen Mangel an formalen Nachrichten gäbe. Die Menschen kommen gerade aus ihren Verstecken und versuchen die Lage erst einmal zu verstehen und nach Nahrung und Lebenden zu suchen“. Frieden und Stabilität für die Zukunft kann Leaning beim besten Willen nicht sehen. Zu oft seien Versprechungen gebrochen worden, zu viel Hass geschürt. Der unter diesen Bedingungen machbare Frieden könnte Krieg und Unterdrückung nicht vollständig ausschließen. Man könne zurückhaltend von einem relativen Frieden unter den gegebenen Umständen sprechen, aber auf keinen Fall von Wiederaufbau. Die von Leaning gegründete und beauftragte Kommission in der sie zugleich Co-Vorsitzende ist, befasst sich mit gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen des Krieges in Syrien.

Bei einem in Beirut abgehaltenem Treffen im September letzten Jahres waren 20 Kommissare und Behörden geladen, die sich zu verschiedensten Themen und Angelegenheiten berieten. Die Betätigungen der Kommission sind breit angesetzt. Es sind voneinander unabhängige Themen, die aber dennoch eng aneinander laufen, so Leaning. Einige davon seien die Einschätzung der aktuellen Lage und die Auseinandersetzung mit der Versorgung von Flüchtlingen. Im Focus stehe das zerstörte Gesundheitssystem, das sonst zur Versorgung der Zivilbevölkerung in diesem gesetzlos geführten Krieg gedient habe. Auch werde durch die Kommission der Wiederaufbau in verschiedenen projizierten Szenarien durchlaufen. Unter anderem befasst sich die Kommission mit dem Bruch der Gesellschaft und der Zerstückelung der Städte. Der Kommission steht die Aufgabe bevor, die Haltung der Außenwelt gegenüber der Lage der syrischen Zivilbevölkerung in Augenschein zu nehmen. Auch soll näher betrachtet werden, wie der Mittlere Osten von autokratischen Regierungen regelrecht geplagt wurde. Die Forscher wollen bei ihrer historischen Analyse 70 Jahre zurückblicken. Wer die Gegenwart verstehen will, muss die Vergangenheit kennen. Denn die Unruhen im Mittleren-Osten gehen über national Staatsgrenzen hinweg und weisen verschiedene Allianzen auf. Die Betrachtung dieser Umstände sei wichtig, um das erstaunliche Versagen der internationalen Gesellschaft zu begreifen.

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