Ob es die meist unergründlichen und verschiedensten Phobien sind, unser höchst individuelles Empfinden, Sprachstörungen, Essgewohnheiten, Schlaf-Wach-Gewohnheiten, Signalwahrnehmungen, unsere Sexualität, Lernfähigkeiten, oder einfach nur das nächtliche Träumen. Dazu kommen immer neuere Psychosen oder seelische Krankheitsverläufe, welche fortwährend ans Tageslicht rücken und Gegenstand moderner Forschungsansätze werden. Unser Gehirn steuert Unmengen an Prozessen. Und die Forschung wird immer auf das Neue vor Rätsel gestellt. Aber auch immer neuere Abgründe des menschlichen Denkens tun sich auf, die uns zwingen, das Gehirn besser zu erforschen und zu verstehen. Krieg, Zerstörung, Habsucht und Liebe. Alles beginnt dort, wo auch das Bewusstsein über uns selbst beginnt. Beim Blick in die eigene Seele. Das in unserem Schädel befindliche Nervenkomplex kann uns die übelsten Streiche bescheren und unsere gewohnte Umgebung anders erscheinen lassen.

Ob man die Erforschung gefährlicher Ideologien doch nicht beim Gehirn ansetzen sollte? Vielleicht gibt es entsprechende Gehirnmuster (?). Dabei ist es fraglich, ob man überhaupt bis zum Auslöser einzelner Phänomene vordringen kann, ganz nach dem „Ding an sich“, von dem Kant einst in seinem richtungsweisenden philosophischen Werk „Die Kritik der reinen Vernunft“ schrieb. Genies und Narren bewegen sich zwischen unvorstellbaren Dimensionen, deren Ergründung sich dem Außenstehenden entzieht. Ich wüsste ein paar Namen aus der Gegenwart, die zu dieser Überlegung passen würden. Möchte sie aber nicht nennen. Ohnehin versteht man viele unserer Zeitgenossen nicht. Die Funktionen einzelner Prozesse im Gehirn lassen sich aus psychiatrischer Betrachtung kaum bestimmten Gesetzen zuordnen. Der Mensch ist leicht zu manipulieren und doch so schwer zu überzeugen. Die blauen Nazis haben es bewiesen. Bestimmte Ereignisse können die Veränderung der ganzen Persönlichkeit oder gar der Gesellschaft nach sich ziehen.Vor allem ist das Gehirn ein Organ, dessen Eigenart und Reaktion immer nur im Kontext des gegenwärtigen Zeitgeistes, samt der ihn umgebenden politischen und kulturellen Beschaffenheit verstanden werden kann.

Das Ei oder das Huhn? Halb voll oder halb leer? Sein oder nicht Sein? Leben oder sterben? Fragen, von denen wir glauben, aber nur glauben, dass sie uns als Mensch auszeichnen. Das menschliche Gehirn ist die Kommando- und Datenverarbeitungszentrale des Organismus und jede noch so kleine Veränderung unserer Umwelt oder unseres Körpers wird von ihr wahrgenommen, verarbeitet und uns als eine der verschiedensten Empfindungen zugeführt. Angst, Freude, Spannung, Zuversicht oder auch Schmerz. Bis heute versuchen sich Neurowissenschaftler und Gehirnforscher an spektakulärsten Studien und Forschungsprojekten, um eines der letzten Geheimnisse des menschlichen Körpers zu verstehen. Und gerade wenn Wissenschaftler vermuten, einer besonderen Sache näher gekommen zu sein, stoßen sie auf ein neues Phänomen, ein neues Wunder. Echte Wunder sind beispielsweise Gewohnheiten. Gewohnheit ist kaum loszuwerden und ist eine Sache unserer Rechenmaschine. Zum Beispiel die Gewohnheit alles zu verteufeln was man nicht versteht.

Eigentlich ist der Anfang der Auseinandersetzungen mit dem inzwischen viel erforschten Teil des zentralen Nervensystems streng genommen auch kaum festzulegen. Denn von Da Vinci über Kant bis Freud ist jede historisch bedeutsame Figur aus Kunst, Philosophie, Psychologie und Wissenschaft in den Bann dieses geheimnisvollen Organs geraten. Alles beginnt hier. Moral, Religion, Politik, Weltanschauung und der markanteste und bezeichnendste Ausdruck der menschlichen Fähigkeit – die höchste Kunst, die Philosophie. Und ja, auch Fremdenhass und Rassismus. Das Gehirn ist die fleischgewordene Form der Individualität oder der individuellen Idiotie und ohne sie ist auch kein Begriff von Sein gegeben. Nichts was wir als menschliches Erbe betrachten, wäre vorhanden, wenn das Gehirn nicht seine Aufgabe machen würde. Jeder Gedanke oder Begriff bliebe ungeboren und damit nicht existent. Eine Vorstellung, die als Universalienstreit durch die Philosophiegeschichte geisterte. Denkgiganten stritten hierbei über das grundlegende Problem vom Verhältnis zwischen der vom menschlichen Verstand unabhängigen Existenz der Ideen und den von der menschlichen Abstraktion abhängigen Allgemeinbegriffen.

Heute drehen sich die Fragen nicht mehr darum was existiert oder nicht existiert, sonder viel mehr darum, was existieren darf. In Wahrheit drehte sich die Faszination der antiken Philosophen um ihr eigenes Organ. Die geheimnisvollen Labyrinthe des Denkens begeisterten die alten Griechen so sehr, dass es zum kulturellen Privileg gehörte, sich den in langen Atemzügen abgehaltenen philosophischen Unterhaltungen anzuschließen. Heute schließt man sich langatmigen Hasspredigten an. Phänomene der Gesellschaft und die aus ihr hervorgehenden Systeme beschäftigten griechische Denker sehr. Rechtsverständnis, die Wunder der Natur, die Ästhetik und andere ordnende und systematisierende Empfindungen und Beobachtungen, wie Ursache und Wirkung wurden lange Zeit der Macht einzelner Göttern zugeschrieben. Dementsprechend waren viele philosophische Ansätze seiner Zeit stark mystisch geprägt. Denn das Denken an sich wirkte ohne wissenschaftliche Erkenntnisse, unter anderem auch über das menschliche Denkorgan, geradezu unecht und phänomenal. Der Funke eines Gedankens löste eine Reihe von Ursache-Wirkung-Diskussionen und Existenzfragen aus. Fragen dieser Art sollten die gesamte Philosophie zum Kriegsschauplatz der Denkgiganten machen. Dass aus Kriegen ein Fortschritt entstehen kann, gehört inzwischen lediglich den Seiten der Geschichtsbücher. Heute ist nicht mehr nur die Philosophie ein Wunder des Gehirns. Aber ich bin ja nicht schuld, wenn ich denke. Oder?

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