Geschlechterspezifische Urteile über schulische Leistungen sind oft verallgemeinernd und blenden die Tatsache, dass sie auch immer in Korrelation zu sozialen Hintergründen stehen, aus. Das ist das Ergebnis einer Studie vom Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung (DIPF). Das Ergebnis macht deutlich, dass die Geschlechterzugehörigkeit nicht als einziger Faktor Einfluss auf die Schulleistungen nimmt. Ein Forscherteam um Bildungsforscherin Josefine Lühe untersuchte Daten zu 3935 Schülerinnen und Schülern aus der sechsten Klasse von knapp 90 öffentlichen Berliner Grundschulen, die im Rahmen der langjährigen Begleituntersuchung der Schulstrukturreform BERLIN-Studie erhoben worden waren. In der Studie wurde mittels statistischer Regressionsanalysen die Beziehung zwischen Leistungstests der Schüler in Lesen, Mathematik und Englisch mit sozio-ökonomischen Daten der Eltern auf Basis von Fragebögen ausgewertet. Zwar bestätigten die Ergebnisse die bislang bekannten Befunde über geschlechterspezifische Stärken, jedoch wurde auch klar, welche Bedeutung der soziale Hintergrund mit sich bringt. “Der Effekt der Geschlechtszugehörigkeit wird jedoch durch den sozio-ökonomischen Status der Jungen und Mädchen moderiert”, so Lühe. Demnach fallen die Leistungen in allen drei getesteten fachlichen Bereichen, je nach sozialem Hintergrund, unterschiedlich aus. Besonders bemerkenswert ist, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischer Leistung nach Untersuchungen der Forscher bei Jungen größer ist als bei Mädchen. Die Jungen zeigen sich sozio-ökonomischen Einflüssen gegenüber wesentlich empfindlicher. So wie die Leistungen mit dem sozio-ökonomischen Status ansteigen, fallen sie jedoch auch bei einem niedrigeren Status deutlich ab. Daneben könnten nach Vermutungen der Wissenschaftler auch gesellschaftliche Stereotypen, die klare geschlechterspezifische Rollenverteilungen und Verhaltensweisen pflegen, eine wesentliche Rolle spielen. Es könnte sein, dass das Lernen für die Schule in Familien mit sozio-ökonomisch niedrigerem Status als unmännlich gilt, so die Wissenschaftler. Die Analysen könnten weiter auf soziale und geographische Besonderheiten ausgeweitet werden. Die Forderung der Bildungsforscherin: “Wenn es zum Beispiel um die Entwicklung und Anwendung von pädagogischen Fördermaßnahmen für Kinder geht, sollte man von stereotypen Vorstellungen von DEN Jungen oder DEN Mädchen besser abrücken.”

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