In Europa sind etwa ein Prozent der Kinder und Jugendliche von Gluten-Unverträglichkeit, einer Autoimmunkrankheit die oft im Kleinkindalter beginnt, betroffen. Bei einer sogenannten Zöliakie wird durch das Getreideeiweiß Gluten, beispielsweise aus Weizen, Roggen und Gerste, eine abnorme Reaktion des Immunsystems ausgelöst, wodurch die Dünndarmschleimhaut geschädigt wird. Die Diagnosestellung ist besonders belastend, da durch eine Magenspiegelung kleine Gewebeproben (Biopsien), aus dem oberen Dünndarm entnommen werden. So kann der Verdacht durch den Nachweis einer Darmschädigung bestätigt werden. Die Untersuchung wird bei Kindern unter Narkose durchgeführt. Eine internationale Studie, die durch das Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München koordiniert wurde, konnte zeigen, dass in über 50 Prozent der Fälle eine Diagnosestellung ohne einen solchen Eingriff möglich ist. Die Studienergebnisse wurden in der Juniausgabe der Fachzeitschrift Gastroenterology publiziert. Vor der Magenspiegelung wird eine Blutuntersuchung auf Auto-Antikörper gegen Gewebs-Translgutaminase (tTGA-IgA) durchgeführt.Diese Eiweißstoffe bilden im Darm Immunzellen gegen körpereigenes Gewebe und weisen bei einem erhöhten Wert auf eine mögliche Zöliakie.

Zur endgültigen Bestätigung jedoch ist eine Magenspiegelung bislang unverzichtbar geblieben. Trotz international entwickelter Diagnosestandards, in denen unter anderem der Nachweis bestimmter Auto-Antikörper, genetischer Risikomarker und bestimmter Beschwerden zur sicheren Diagnose herangezogen wurden, blieb die Unsicherheit weiter bestehen. Um den Standard mittels einer klinischen Praxis auf den Prüfstand zu stellen, wurde durch Prof. Dr. Sibylle Koletzko, der Leiterin der Kindergastroenterologie im Dr. von Haunerschen Kinderspital und Dr. Katharina Werkstetter, die Studie ProCeDe ins Leben gerufen. Ab 2011 wurden so weltweit Daten aus 33 Kliniken und 21 verschiedenen Länder von Kindern mit positiven Zölakie-Auto-Antikörpern gesammelt. Die Studie konnte zeigen, dass eine zuverlässige Diagnose durch eine zweite Blutprobe im Rahmen der festgelegten Kriterien der Europäischen Gesellschaft für Kindergastroenterologie (ESPGHAN) möglich war.

In den Kliniken kamen zehn, bei der Überprüfung im Zentrallabor 8 Tests zum Einsatz. Patienten mit Kriterien für eine Diagnose ohne Biopsie wiesen die genetischen Risikomarker auf. Somit erübrigte sich ihre Bestimmung für die Diagnose. Die Bestätigung in einer zweiten Blutprobe jedoch ist notwendig, um seltene aber mögliche Verwechslungen auszuschließen. Die Magenspiegelung ist nur notwendig, wenn der tTGA-IgA-Wert über der Norm, aber unterhalb des zehnfachen Grenzwerts liegt. Die von der europäischen Fachgesellschaft vorgeschlagene Vorgehensweise führt neben der Entlastung betroffener Kinder auch zu erheblichen Kostenersparnissen im Gesundheitssystem. Das komplexe Auswertungsverfahren bietet viel Raum für Missdeutungen. Deshalb rät Prof. Koletzko betroffenen Familien, für eine Diagnosestellung nur Kindergastroenterologen mit Fachwissen für Glutenunverträglichkeit aufzusuchen.

 

Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität

Originalpublikation:

Accuracy in Diagnosis of Celiac Disease Without Biopsies in Clinical Practice: Werkstetter KJ, Korponay-Szabó IR, Popp A, Villanacci V, Salemme M, Heilig G, Lillevang ST, Mearin ML, Ribes-Koninckx C, Thomas A, Troncone R, Filipiak B, Mäki M, Gyimesi J, Najafi M, Dolin¹ek J, Dydensborg Sander S, Auricchio R, Papadopoulou A,  Vécsei A, Szitanyi P, Donat E, Nenna R, Alliet Ph, Penagini F, Garnier-Lengliné H, Castillejo G, Kurppa K, Shamir R, Hauer AC, Smets F, Corujeira S, van Winckel M, Buderus S, Chong S, Husby S, Koletzko S, and on behalf of the ProCeDE study group (Gastroenterology 2017)

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