Die im Nahen Osten von den USA unterstützten Gruppen gaben bekannt, dass sie die Kontrolle über Raqqa, einer nördlich von Syrien liegenden Stadt zurück gewonnen haben. Bislang galt sie als die Schaltzentrale und Hauptstadt des IS auf irakischem Boden. Jacob Shapiro, Professor für Politik und internationale Angelegenheiten an der Universität von Princeton, verfolgt die militante Gruppe schon seit ihrer Entstehung. Er ist unter anderem auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik spezialisiert. Zur Zukunft der Terrormiliz IS und zum Kampf gegen den Terrorismus hat er drei Szenarien formuliert und Antworten zu den jüngsten Entwicklungen und möglichen Vorgehensweisen der im Konflikt Beteiligten gegeben. Shapiro geht aufgrund der aktuellen Lage des IS im Irak zunächst von einem Rundumschlag terroristischer Handlungen aus. Wie auch beim letzten Rückschlag des IS, erwartet Shapiro eine Reihe episodischer Terroranschläge, vor allem in den wichtigsten Städten des Irak. Von Bedeutung ist auch das im westlichen Teil des Territoriums der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) liegende Gebiet Idlip, das für die Terrormiliz als bedeutendes strategisches Gebiet gilt.

Über die Präsenz des türkischen Militärs in diesem Gebiet und die dadurch angestrebte Eindämmung des kurdischen Einflusses wurde die syrische Regierung aufgeklärt. Shapiro erwartet im zweiten Szenario eine ähnliche Konstellation wie sie im Kampf um die syrische Stadt Aleppo gegeben war. Schließlich äußert Shapiro eine weiter Möglichkeit, bei dem er die US-amerikanische SDF und die syrische Regierung zusammen an einem Verhandlungstisch sitzen sieht, an dem über die zukünftige Entwicklung des Gebiets zwischen dem Euphrat und der syrischen Grenze mit der Türkei gesprochen wird.

Der dominierende Anteil im SDFsind kurdische Zivilschutzeinheiten und die dazugehörige und sich überwiegend für eine föderale Lösung des syrischen Bürgerkriegs einsetzende politische Partei der YPG. Sie kontrollieren außer Raqqa vermutlich auch andere Städte entlang des Euphrat. Die Zivilschutzeinheiten sind als YPG-Milizen bekannt. Als nominell geltender Teil von Syrien verfügen die YPG über weitgehende Autonomie. Shapiro vermutet, dass die syrische Regierung und islamistische Truppen, die die Provinz Idlip im Osten der kurdischen Region kontrollieren, mit der angestrebten Lösung der politischen YPG nicht einverstanden sein werden. Gleichzeitig schätzt er eine Einigungen zwischen Kurden und der syrischen Regierung als wahrscheinlich ein, da die Interessen der unterstützenden Beteiligten beider Gruppen (Russland, Iran und USA) zusammenliefen.

Die im Jahr 2015 abgegebene Einschätzung Shapiro`s, der IS werde an seinen inhärenten Fehlern zusammenbrechen, sieht er als eingetroffen. „Ja, ich denke sie ist zusammengebrochen. Die Gruppe hatte immer eine unrealistische Agenda. Einen meist konventionellen Krieg zu führen, erfordert wirtschaftliche Ressourcen, die Ihren Feinden angemessen sind“, erklärte er im Interview. Der IS hätte versucht mehrere Großmächte im Nahen Osten und ihre Unterstützer zu übernehmen, in dem er auf kleinere Ressourcen zwischen Bagdad und den wichtigsten Gebieten Syriens zurückgriff, so Shapiro. Er sieht die Ressourcen für einen solchen konventionellen Krieg nicht gegeben. Außerdem würden solch ambitionierte Übernahmen durch die Terrormiliz nicht funktionieren, da die Gruppe auch in der Verwaltung der Territorien gescheitert sei. Eine Entwarnung bezüglich der bestehenden Bedrohung gegen den Westen gibt Shapiro jedoch nicht. Trotz der Prognosen, die nicht für ein Wachstum des IS sprechen, werde die Miliz weiterhin eine latente Bedrohung bleiben.

Die USA sollten nun vor allem Geduld beweisen, so Shapiro. Die langfristige Unterstützung lokaler Verbündeter zahle sich nun im Gegensatz zu intensiven und plötzlich eintretenden Engagements nach Jahren aus. Zwar seien die Kosten für die ostsyrische Bevölkerung enorm, aber es sei andererseits nicht klar, ob eine intensivere militärische Beteiligung der USA auch wirklich dauerhafte Lösungen ergeben würde.

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