Immer wieder  wird durch öffentliche Institutionen, Medien und Wisschenschaftler die Forderung nach einer Erneuerung und zeitgemäßen Ausrichtung des Islams zur Sprache gebracht. Solche Bemühungen verleihen überwiegend populisitsch geführten Debatten öffentlichen Aufwind.  Reformationsideen sind nicht nur utopisch, sondern äußerst gefährlich. Sie folgen dem Trend eine diktatorische Leitkulktur zu etablieren, die über das Leben anderer entscheidet und Hass schürt.

 

Das durch westliche Gesellschaften geschaffene und stark dogmatische Bild vom Islam ist nicht nur auf die äußerst komplexe Entstehungsgeschichte dieser Weltreligion und ihren mächtigen Einfluss auf verschiedenste Kulturen zurück zu führen, sie hält sich auch allen Revisionen zum Trotz bis heute unverändert. Und gleichzeitig gibt es eine unabänderliche Tatsache, an der man nicht vorbei kommt, wenn man über den Islam spricht. Spricht man über den Islam, spricht man über ein großes Kapitel der Weltgeschichte. In seiner Komplexität beispiellos. Aus diesem Grund kann eine Auseinandersetzung mit dieser Kultur, Religion und Lebensweise nie eine lediglich auf gegenwärtige Interessen zugeschnittene sein. Sie kann nie lediglich politisch sein. Sie kann nie lediglich auf kulturelle Aspekte bezogen sein. Ein Versuch die spektkuläre Geschichte dieser Weltreligion im Hinblick auf seine heutige Gestalt auszublenden, gleicht dem Versuch über Politik zu sprechen, ohne dabei die Bedürfnisse der Bevölkerung zu berücksichtigen. Sie ist praxisfern und reine Theorie. Sie schafft Vorstellungen die mit Tatsachen wenig gemeinsam haben.

Das mächtige Kulturerbe des Islams ist unter dieser Betrachtung der denkbar schlechteste Gegenstand für theoretische Mutmaßungen. Der Grund liegt in der gewesenen und fortbestehenden Gestaltungsmacht dieser Weltreligion. Keine Kultur hat das Abendland seit jeher derart geformt, herausgefordert, verändert und ihm die wesentlichen Züge seiner heutigen geistigen Gestalt verliehen wie diese. Die heutige Politik, der gesellschaftliche Umgang mit dem Islam und die öffentlich geführte Debatte ist, wenn man mit diesem schwerwiegenden Kulturbegriff einmal ansatzweise vertraut ist, eine beispiellose Tragikomödie. Eigentlich notwendige Diskussionen haben sich von der wissenschaftlichen Regie öffentlicher Einrichtungen und Institutionen verabschiedet und auf soziale Netzwerke verschoben, wo stillose Meinungsschlachten geführt werden und die vielfache Wirksamkeit eines Meinungsaustauschs immer mehr zu politischem Gebrüll degeneriert. Die primitive Debattenkultur des Internets zeigt: Momentaufnahmen sind mächtiger als man glauben mag. Der Terror, die politischen Konflikte, alles was die tägliche Berichterstattung bringt.

Die dadurch geschaffenen subjektiven Eindrücke lassen sich unkompliziert als Videos und Texte anfertigen und verbreiten. Hier im Internet gilt die „Ellenbogenpolitik“. Wer härter zuschlägt hat recht. Und wer Ängste und Vorurteile bedient auch. Ach ja, Ängste. Vor allem werden Ängste bedient, deren Wurzeln so weit zurück liegen, dass man sich fragen muss, durch welche kulturellen Interessen sie bis in unsere heutige Zeit transportiert werden konnten. Die Einfachheit des westlichen Islambildes erklärt auch seine gute Haltbarkeit. Hinzu kommen die folgenschweren Auswirkungen durch Instant-Knowledge im Informationszeitalter. Die Solidarisierung verängstigter Staatsbürger kommt durch die technologisch bedingten Sozialisierungstendenzen innerhalb der digitalen Medien zur vollen Geltung. Und auch sonst finden halbwahre Botschaften schnell zur richtigen Zielgruppe. Pseudowissenschaftliche Artikel sind problemlos verlinkt.

Selbst Wissenschaftler verfallen dem Fehler, den Islam, welcher aus kulturellen, zivilisatorischen und religiösen Aspekten jeweils getrennt zu betrachten ist, kurz, platt, stark verflechtet und damit fehlerhaft zu übermitteln. Immer wieder äußern sich in unregelmäßigen Abständen Politiker, Islamwissenschaftler oder Soziologen, angefeuert durch aktuelle Ereignisse, zur Besonderheit islamischer Bräuche, der islamischen Lebensweise, wie man diese zu verstehen habe und ob sie mit demokratischen Vorstellungen zu vereinbaren seien. So wie zuletzt der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Ourghi ist auf Facebook aktiv, um den vollen Effekt von Sozialisierungspotenzialen für seine wahrsagerischen Inhalte auszuschöpfen. Er glaubt, dass Muslimas den Kopftuch schon länger ablegen wollen, jedoch nur einen richtigen Anstoß brauchen. In einem Interview mit der Online-Ausgabe der Rheinischen Post behauptete er, dass das Kopftuch kein religiöses Symbol, sondern lediglich ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft sei. Dabei reicht der kurze Einblick eines Laien in den Koran, um diese Aussage zu widerlegen.

Ourghi ging in diesem Interview weiter und erklärte, dass es im Koran keinen Hinweis darauf gebe. Das Wort Kopftuch komme nicht vor. Bereits vor Ourghi haben sich Publizisten und Wissenschaftler ähnlich geäußert. Die Theorien zu „islamischen Missverständnissen“ häufen sich aktuell wieder. Und immer ist es die herrschsüchtige Männlichkeit muslimischer Männer, die das Ziel verfolgt haben soll, Frauen von der Selbstbestimmung fernzuhalten. Unsachlicher und polemischer als Ourghi kann man sich kaum ausdrücken. Der Islam als frauenverachtende Kultur. Paradox. Denn in Ourghi`s Auslegung scheint sich die Geschichte des Islams von der Gegenwart zu nähren. Und auch in Bezug auf Frauen reicht ein Nachschlag in einer islamwissenschaftlichen Lektüre, um zu zeigen: Der Islam hat das Verständnis für Frauenrechte wesentlich geprägt und war seiner Zeit weit voraus. Die Frau war kein Sexobjekt mehr. Der Islam sprach den Frauen erstmals Erb- und Scheidungsrecht zu. Für die unrechtmäßige Bezichtigung einer Frau als Hure fordert der Islam stichhaltige Beweise und sieht bei Verleumdung harte Strafen vor.

Oder genauer: Man kann unmöglich über die positive geschichtliche Entwicklung von Frauenrechten sprechen, ohne auf den Islam einzugehen. Woher kommt aber die Wirkungskraft unsachlicher Argumentationen? Warum verfestigen sich derartige Klischees? Grundsätzlich wird die Islamdebatte, aufgrund ihrer historischen Tiefe und der vielfältigen Berührungspunkte mit der europäischen Geschichte, sehr zerstreut geführt. Aktuell wird der Islam als Träger politischer Ziele missbraucht. Man bedient sich Jahrhunderte alter Vorwürfe gegenüber den Islam. Sie allesamt können auf eine lange Tradition zurückblicken. Die Tradition den Islam immer nach eigenen politischen Interessen zu beurteilen. Mal war der Islam die zu erforschende mystische Kultur, die tausende Künstler inspirierte. Mal wurde sie durch das zeitweise verängstigte Europa verteufelt. Aber wenn Hochschullehrer wie Ourghi aus den Verpflichtungen eines Wissenschaftlers entgleisen, wird es richtig gefährlich für den Frieden in unserer Gesellschaft.

Wissenschaftler wie er streuen lediglich ihre persönliche Ablehnung, welche nicht auf eine konstruktive und ausgeglichene Analyse aktueller Probleme abzielt. Menschen wie Ourghi stellen Kulturen die sie nicht verstehen als überholt dar. Sie dichten Menschen dieser Religion Gedanken an, die sie nie gedacht haben. Sie urteilen unangemessen über die Nähe von Lebensrealitäten und glaubenspraktischen Ansätzen. Solche Manöver schaffen eine öffentliche Resonanz, aus welcher mehr eingefahrene Ansichten als offene Interaktionen wahrzunehmen sind. Schwierig ist das Spalten heute nicht. Die Verwendung des Begriffs Islam ist derzeit weit weg von wissenschaftlichen Ambitionen. Stattdessen wird ein politisierter Deutungskampf geführt, die den Interessen einer unklaren und spontan kreierten Identität folgt. Und das mitten in Deutschland.

Herr Ourghi mischt mit seiner öffentlichen Haltung zum Kopftuch ordentlich mit: Der Wissenschaftler schmeißt mit plumpen und verurteilenden Behauptungen um sich. So spricht er einfach für Millionen von Muslimas und stellt fest, dass sie das Kopftuch nicht freiwillig tragen. Er spricht ihnen damit den Glauben im Herzen ab, ohne vorher nachgefragt zu haben. Nach Ourghis Darlegung werden Muslimas systematisch vom alltäglichen Leben abgehalten. Sie könnten aufgrund ihrer Verschleierung nicht schwimmen gehen und Sport würden sie sowieso nicht treiben. Beides ist nicht wahr. Denn Sportausrüstungen und Bekleidungen gibt es auch für Muslimas. Die Olympiade hat bereits mehrmals erfolgreiche muslimische Sportlerinnen geehrt. Wahr dagegen ist: Ourghi äußert sich in diesem Interview nicht nur unwissenschaftlich. Seine Behauptungen halten einfachsten Nachprüfungen nicht stand. Zudem darf stark bezweifelt werden, ob die „freie Entfaltung“ in Europa das erwünschte Wohlbefinden und die Rolle der Frau in der „modernen Gesellschaft“ gestärkt hat.

Die in alle Lebensbereiche hineinreichende Sexualisierung und das maßgeblich nach männlichen Vorstellungen und dem Modewahn der „Superreichen“ gestaltete Bild der Weiblichkeit, kränken weltweit Millionen von Frauen und schließen jene aus, die mit dem Tempo der „Sexindustrie“ nicht mithalten können. Die Pornoindustrie verachtet Frauen bis auf das unerträgliche Maß hinaus und die Popwelt diktiert jungen Mädchen das Ideal der Schönheit. In der Karriere einer jeden Frau, die über die Position einer Angestellten hinaus will, wirkt diese in der Gesellschaft bewusst gelebte Sexualisierung nach und beschäftigt seit jeher die Tagespolitik. Dennoch erscheint die Frau im Islam immer im Kontrast zur Selbstentfaltung einer modernen und selbstbewussten Frau in Europa. Ourghi ist ein Beispiel dafür, auf welche Weise ein tausend Jahre altes Geschichtsklischee aufrecht erhalten wird. Europa konnte dieses Klischee nur deshalb aufrecht erhalten, weil der Islam nicht nur als eine fremde, mit den westlichen Werten unvereinbare Kultur rubriziert wurde, sondern regelrecht ein perfektes Feindbild aus dieser von ihr so bezeichneten „Wüstenkultur“ schuf. Ourghi hat seinen eigenen weg. Er reduziert den Islam auf das „Kopftuchproblem“ und macht daraus eine Genderfrage, die gerne zu Verallgemeinerungen neigt, aber mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun haben will.

Damit fügt er sich dem Chor populistischer Schreihälse. Viele Phasen der Umwälzung in der Islamgeschichte wirken in unserer Gegenwart noch nach. Die Entwicklung Europas weist vielfältige Konfrontationen mit der islamischen Welt auf. Heute tut eine breite Masse von Islamkritikern gerne so, als gäbe es den Islam erst seit gestern. Einige dieser Berührungen und Ereignisse gelten als ausschlaggebend für die heutige Haltung vieler Gesellschaften in Europa. Forscher teilen die Entstehung dieses Feindbildes in drei wesentliche Phasen aus der europäischen Geschichte ein. Bedeutend sind der Beginn der Neuzeit, die Verschiebung der Machtkonstellationen nach dem 2. Weltkrieg und der Genozid an den Juden im 2. Weltkrieg. Im Ersteren wurden europäische Mächte hauptsächlich durch islamische Staaten davon abgehalten sich in Richtung Osmanisches Reich und Indien auszudehnen. Zudem war die Hochblüte islamischer Wissenschaften vorüber. Mit dem gleichzeitig wachsenden Fortschritt westlicher Zivilisationen kam damit eine gewisse Ablehnung gegenüber dem Okzident zustande. Im Zweiteren führte die Selbstzerstörung Europas durch zwei Weltkriege dazu, dass sich viele muslimische Reiche durch die Vorherrschaft des geschwächten Europas befreien konnten.

Dies verstärkte den allgemeinen Hass gegenüber den geringgeschätzten nichteuropäischen Staaten. In der dritten Phase löste der Genozid an den Juden eine bis heute ungebrochene solidarische Haltung zum israelischen Staat durch den Westen aus, welchen die islamische Welt als bedrohlich empfindet. Hinter jeder Unstimmigkeit in der internationalen Politik, welche sich zum Nachteil der islamischen Welt auswirkt, wird der massive Einfluss einer international tätigen israelischen Lobby vermutet, die auf allen Ebenen der Politik gegen die Interessen islamischer Staaten arbeitet. Niemand würde diese historischen Ereignisse als ausschlaggebend für seine persönliche Haltung zum Islam sehen. Aber niemand würde auch alleine gegen den Islam poltern. Und es ist die Masse, die Geschichten verzerrt oder Tatsachen ausblendet. Zum Beispiel was das Kopftuch angeht. Die zuletzt in den Medien vielfach erwähnte und erhoffte „Reformation“ des Islams bleibt nicht nur Illusion, sondern verstärkt die ablehnende Haltung der islamischen Welt gegenüber dem Westen. Sie stellt keine Lösungen für gegenwärtige Herausforderungen in Aussicht, sondern stärkt die Überzeugung des Islams, von der westlichen Welt verachtet zu werden. Sie verfolgt auch in keiner Weise gute Absichten.

Denn die Regel lautet: „Entweder wir ändern euch, oder wir schaffen euch ab“. Die geforderte Reformation ist überwiegend westlich initiiert und wird dem Islam ungefragt aufgesetzt. Innerhalb der linearen europäischen Geschichtsschreibung ist der Islam die letzte Bastion, die den geistigen Produkten der Aufklärung gegenüber resistent geblieben ist. Dabei ist die stets vorgegebene geistige Überlegenheit des Westens und die Überzeugung im Besitz der wahren Gerechtigkeit zu sein, eine klar erkennbare Haltung der abendländischen Mission, welche sich bis vor die Zeit der Aufklärung zurückverfolgen lässt. Die aus dem Westen stammende Weltzivilisation stellt den Islam vor Fragen, die sie nach zeitgemäßen Erwartungen nicht beantworten kann und will. Sie steht vor einem vermeintlich moralischen und ethischen Vorsprung der westlichen Mächte. Fragen zu Recht und Unrecht werden lediglich durch diesen zivilisatorischen Vorsprung formuliert und zielen auf eine Antwort, die mit dem selben geistig-kulturellen Output nicht in Konflikt geraten darf. 

Es ist ein geschlossener Kreis, der sich einzelne kulturelle Glieder einverleibt und immer größer wird. Fragen zum Islam, seien sie politisch oder wissenschaftlich, dienen der Vergrößerung des europäischen-abendländischen „Kreises“ und einer überwiegend areligiösen Weltanschauung; sind damit aber nicht unbedingt im Sinne einer gerechten und objektiven Lösung gegenwärtiger Herausforderungen. Betrachtet man den Islam aus einigen relevanten Momenten der europäischen Geschichte heraus wird klar, dass der Westen viele der ungelösten Fragen, die sich bei der Erforschung des Islams ergeben haben, nie lösen wird. Wissenschaftler die daran arbeiten, drehen sich in einer Endlosschleife. Alles was sie erreichen ist eine sich verstärkende Ablehnung durch Islamgegener und Muslime selbst. Diese Lage ergibt sich aus einem historisch bedingten, im Islam fehlenden Zeit- und Geschichtsbegriff, welcher der sogenannten Neuzeit zugeordnet werden kann. Der Begriff beinhaltet auch ein sogenanntes „Geschichtsklischee“.

Dieser hat eine weltweit anerkannte Geschichtsschreibung etabliert, die die volle Entwicklung der Zivilisation auf einen 200-Jahre-Zeitstrahl angeordnet hat, an dessen Ende die Wissenschaft steht. Dahinter reihen sich die überwundenen geglaubten Epochen wie Religion und Philosophie. Der Islam dagegen stellt die Erleuchtung und die Vervollkommnung des Menschseins durch den Glauben an Gott an das Ende des Zeitstrahls. Und wer sagt, dass diese Sichtweise falsch ist? Gerade viele wissenschaftliche Entdeckungen sind es, die einen Großteil der Muslime in ihrem Glauben stärken und die „Schöpfungsmacht“ Gottes zeigen. Der westliche „Fortschrittsoptimismus“ wie ihn Historiker nennen, darf bezweifelt werden, stellt jedoch das grundlegende Geschichtsverständnis in Europa dar. Mit ungeahnten Konsequenzen für die islamische Welt: Am Ende dieser Geschichtsschreibung steht der autonome und unabhängige Mensch als Teil einer idealen Gesellschaft. Hier soll es keine Konflikte geben. Hier dürfen Bindungen an Religionen und Überzeugungen nicht die Harmonie eines ungebundenen Daseins behindern. Betrachtet man diese Faktoren, ist es unvorstellbar, dass der Westen mit der islamischen Welt zu einer haltbaren Einigung kommen könnte. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, der Islam sei rückschrittlich und die einzige Lösung, eine durch den Westen vorgegebene grundlegende Reformation oder die Ablegung des Kopftuchs, mutet stark rassistisch und nationalistisch an, das uns an einige Ansätze der Nazis erinnern sollte. Zumal sich immer kulturelle Fragmente aus einer beliebigen zivilisatorischen Einheit absondern, autonomisieren und eigene Lebens- und Denkweisen entwickeln werden. Die Weltgeschichte kennt es nicht anders. Und Wissenschaftler wie Ourghi ebenso wenig.

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