Die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 und die aufeinanderfolgenden Unterwerfungen weiter Teiler des Orients und des Balkans durch das osmanische Heer, versetzten das christliche Abendland in Angst und Schrecken. Diese tiefgreifenden Erfahrungen gehen an Europa und seiner Gesellschaft nicht spurlos vorbei. Die religiöse und politische Auseinandersetzung mit der bevorstehenden Gefahr für das gesamte Abendland prägt die christliche Heilsgeschichte und schafft eine gemischte Atmosphäre aus Weltuntergangsstimmung und christlicher Selbstfindung. Die Angst vor einer islamischen Invasion wirkt noch jahrhundertelang in der abendländischen Literatur nach. Neu ist die Türkenangst zum Zeitpunkt der Belagerung jedoch nicht.

Die mächtige osmanische Streitmacht steht mit 150.000 Mann vor den Toren Wiens. Nicht nur das. Bis zum 14. Oktober 1529 umzingelte das osmanische Heer die glänzende Kulturhauptstadt des Abendlandes. Den Höhepunkt der Expansionspolitik des osmanischen Reichs markierte zuvor die Unterwerfung Konstantinopels, der Hauptstadt des oströmischen Reichs. Die Eroberung bedeutete nicht nur eine historische Wende für die osmanische Geschichtsschreibung. Sie ist heute eine historisch anerkannte zeitliche Eingrenzung, welche als Übergang vom europäischen Mittelalter hin zur Renaissance gesehen wird. Die Angst vor einem plötzlichen Überfall durch die Osmanen setzt bestimmte politische Hebel in Gang und bringt die europäische Ausnahmesituation zu einem Ausgangspunkt, an dem nichts sicher scheint. Schon seit 1520 beschäftigte sich ein Mann mit der konkreten Türkengefahr. Er verfügte, trotz der fehlenden persönlichen Erfahrung mit Türken, über ein fundiertes Wissen über das gefürchtete Volk und seine noch mehr gefürchtete Religion.

Dabei ist es bemerkenswert, dass die Türken in schriftlichen Erwähnungen nie ohne den Islam und der Islam nie ohne die Türken betrachtet wurde. Der Mann, dessen aufwieglerische Schriften eine neue Ära in der Theologie und Kirchenpolitik Europas einläuten sollten und dessen Name heute nicht mehr aus der neuzeitlichen Geschichte Europas wegzudenken ist, war kein geringerer als Martin Luther. Trotz der unmittelbar bevorstehenden Gefahr eines Einfalls der Türken in das christliche Abendland, ließ Luther von seinen Leitprinzipien nicht los. Mehrmals erwähnte der Reformator, dass man gegen die Türken kein Glaubenskrieg beginnen, wohl aber das Abendland im Falle eines Angriffs verteidigen dürfe. Luther forcierte insgesamt die Rezeption islamischer Bücher und setzte sich für den ungehinderten öffentlichen Zugang zum Koran ein. Er sah es als wichtig an, den Islam zu kennen. Luther gab der Politik im „eigenen Haus“ eine vorrangige Bedeutung. Anstelle der wüsten Vorstellungen über einen Kreuzzug, sollten die Christen ihren Focus auf ihr eigenes Leben richten und vielmehr den Papst bekämpfen als die Türken anzugreifen. Auf ihn hatte es Luther besonders abgesehen. Dieser nutzte die akute Türkengefahr für seine zwielichtige Ablasspolitik.

Aber auch für Luther ergab sich aus dieser Stimmung heraus eine vorteilhafte Situation. Für die Gegenwehr war Kaiser Karl V. auch auf die Fürsten und Stände angewiesen. Für Beobachtungen und Strafverfolgungen von Initiatoren neuer Religionsfragen blieb keine Zeit. Neben Luther gab es eine überschaubare Anzahl von Autoren, die sich mit dem Islam beschäftigten. Viele schürten, wie auch Luther selbst, apokalyptische Albträume. Doch welche Quellen versorgten die damaligen Meinungsmacher mit Informationen und wie kam es zu einem solch düsteren Bild der Türken? Frühe europäische Schriften zur Kultur der Türken trugen wesentlich zur gesellschaftlich weit verbreiteten dogmatischen Charakterisierung bei. So handelte die 1530 erschienene Schrift “Libellus de ritu et moribus Turcorum”, welche von dem Dominikaner Georg von Ungarn verfasst worden war, von den Sitten und Gebräuchen der Türken. Neben der allgemeinen Kriegsangst war es die überschaubare Auswahl an Werken zum Islam, welche das Bild der Türken als barbarisches und teuflisches Volk vervollständigte. Die Öffentlichkeit rezipierte zu jener Zeit stark dogmatisierende Koranübersetzungen. Alle enthielten die Kernaussage, dass der Prophet Mohammed ein falscher Prophet sei und die Türken insgesamt Lügner.

Sieht man sich die Übersetzungen aus jener Zeit an an, kommt man nicht um den Eindruck herum, dass die meisten Werke eher der Denunziation des Islams, denn der öffentlichen Bildung dienen sollten. So trug die 1616 in Nürnberg erschienene erste deutsche Koranübersetzung von Salomon Schweigger den Titel „ Alcoranus Mahumeticus”: Der Türcken Alcoran, Religion und Aberglauben“. Dieses Werk war aus dem Italienischen übertragen. Der erste direkt aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzte Koran von David Friedrich Megerlin (1699-1778) mit dem Titel „Die türkische Bibel, oder der Koran“ hatte dem Titel nach zu urteilen genauso wenig wissenschaftliche Absichten wie die Übersetzung von Schweigger. Nicht nur, dass der Koran als eine unbedeutende und verfälschte Entlehnung der Bibel dargestellt wurde. Daneben gab es vom selbigen Autor auch ein Kupferstich betitelt als „Mahumed, der falsche Prophet“. Johann Wolfgang Goethe konnte sich angesichts dieser Schmierereien nicht zurück halten und verurteilte die Übersetzung in einer Rezension als „elende Produktion“. Erst im 20 Jahrhundert erschienen brauchbare Koranübersetzungen. Noch heute sind die Übersetzungen von Lazarus Goldschmidt (1916) und Max Henning (1901) Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen um die Korandeutung.

In Bezug auf die Türkengefahr hatte sich Luther genauso wie seine publizierenden Zeitgenossen an populistischen Agitationen beteiligt. Doch hatte er ausreichend Kraft und Mut sich in der Gegenwart der akuten Bedrohung neue, vor allem religiöse Sichtweisen anzueignen. So konzentrierten sich seine Überlegungen auf die Frage, weshalb dem christlichen Abendland ein solches Schicksal bevorsteht. Den Türkenangriff verstand er als bevorstehende Strafe Gottes für abtrünniges Verhalten. Der an der türkischen Kultur höchst interessierte Luther verfasste 1528 seine erste Türkenschrift. Das 1529 veröffentlichte Werk handelte vom „Krieg wider die Türken“. In diesem Traktat stellt Luther fest, dass die Türken durch ihren militärischen Angriff gegen die Christen die säkulare Obrigkeit mit Mord bedrohten, Lügner seien, die die Schrift falsch auslegten und durch die gängige Praxis der Vielweiberei die Hauszucht missachteten. Der auf diese Weise festgestellte „Sturz der drei Stände“ ist eine direkte Übertragung der politischen Theorie der zwei Reiche und drei Stände Luthers.

 Als schriftliche Werke folgten Heerpredigt wider die Türken (1530) und Vermahnung zum Gebet wider den Türken (1541).
Das rudimentäre Wissen über den Islam zu jener Zeit verhinderte eine geordnete Herangehensweise an die als dunkel und bedrohlich wahrgenommene Religion Islam. Dieser Umstand ließ viel Platz für dogmatische Interpretationen welche auch der Heilsgeschichte des Christentums neue Perspektiven verliehen.  Allerdings war dies kein freiwilliger gesellschaftlicher Prozess. Anfangs lediglich als militärisches und politisches Problem betrachtet, drängte sich der Islam durch zunehmende Arabisierung in die Auffassung der christlichen Heilsgeschichte auf. Politisch kam dieser Umstand manch einen Europäer, der die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte, gerade recht. So wurde die Türkenangst zu einem politischen Begriff, auf dessen Grundlage verschiedenste Rechtfertigungen möglich waren und apokalyptische Szenarien das Machtspiel ideologischer Standpunkte vorantreiben.

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