Der politische Umgang mit der Regenwald-Katastrophe des Amazonas zeichnet ein Bild der diplomatischen Unfähigkeit von bislang ungesehenem Ausmaß. Facebook-Kommentare bremsen politische Handlungsfähigkeiten aus, gefährden wichtige Abkommen. Durch eine Hand voll Politiker degradiert die Umweltpolitik zu einer öffentlichkeitswirksamen Plattform persönlicher Interessen.

Der brasilianische Präsident hat in Sachen Umwelt- und Klimaschutz seinen unsachgemäßen Umgang mit politisch hochsensiblen Themen durch eine Reihe von rhetorischen Fehlgriffen unter Beweis gestellt. Bolsonaro hat öffentlich klar gemacht, dass er eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten seines Landes nicht wünscht. Erst kürzlich unterstellte er Macron kolonialistische Ziele. Der G7-Gipfel, so ließ Bolsonaro verstehen, sei nur Fassade. Derzeit wird auf der klimapolitischen Bühne eher eine rücksichtslose Schlammschlacht ausgetragen, als dass die Sorge um den Regenwald mit der größten Biodiversität aller tropischen Wälder der Welt Politiker zusammen bringen würde.

Diskreditierung, Unterstellung und das Wetteifern um schlagfertige Argumente auf sozialen Netzwerken stellen die derzeitige Notlage in Südamerika in den Schatten. Und zum ersten mal dringt das Ausmaß einer unberechenbaren Agrarpolitik, welche aufgrund staatlicher Nachlässigkeit eine seit Jahren andauernde illegale Entwaldung ermöglichte, mit ungekanntem Vernichtungspotenzial zur Weltpolitik durch. Im Hintergrund des aktuellen politischen Umgangs mit diesem hochsensible Thema drängt sich die Frage auf, ob es nun um Schadensbegrenzung oder Schuldzuweisung geht.
In einer Zeit der konvergierten Mediennutzung, der rasanten Verbreitung von Informationen und einer hochgradig digitalisierten Kommunikation kann man sich nur wundern, dass der Schutz des Amazonas-Regenwaldes erst am Ende jahrelang geführter klimapolitischer Bemühungen und Debatten nun plötzlich zur kaum aufzuschiebenden politischen Dringlichkeit wird.

Mit dem „Tag des Feuers“ versprachen sich Großbesitzer und Landwirte lukrative Weideflächen. Ein selbstsüchtiges Phantasma mit vernichtenden Folgen für ein Teil der Erde, in dem die Hoffnung auf ein sich vielleicht besserndes Klima unerschütterlich zu sein schien. Nicht unberechtigt. Das International Panel on Climate Chance (IPCC) schätzt, dass Amazonas-Regenwälder ein Viertel des Kohlenstoffdioxids aufnehmen, das jährlich bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe freigesetzt wird. Doch die Vernichtung des Regenwaldes hat gewaltigere zahlen zu bieten. Registriert wurden bislang bereits 70.000 Waldbrände. Auch wenn zwischen Bolsonaro und der deutschen Bundeskanzlerin ein Übereinkommen getroffen werden konnte, kann der brasilianische Präsident den ihm durch empfindliche Haltung anhaftenden, unglaubwürdig klingenden Ton in seiner Rhetorik nicht abwedeln. Es geht um wirtschaftspolitisch weitreichende Konsequenzen, die sich da ankündigen. Und der daraus entstandene Druck hat Bolsonaro zu ersten Handlungen gedrängt.

Doch Bolsonaro hat für jeden Fall vorgefertigte Argumente, welche notwendige Entscheidungsprozesse unnötig ausbremsen und ein effizientes und dringend notwendiges Handlungsprogramm erschweren. Mit einer rhetorischen Frage prangerte er Norwegens Waljagd an und empfahl das Geld für die Wiederaufforstung Deutschlands einzusetzen. Immer ecken Gespräche an, schränken sich politische Handlungsfähigkeiten ein, um am Ende neue Debatten zu generieren. Der Waldbrand in Brasilien fordert jenseits irreparabler Umwelt- und Klimaschäden auch Entlassungen, politische Spannungen und das Ende einer vertrauten umweltpolitischen Zusammenarbeit. Den Kommunikationsschwierigkeiten liegen weltwirtschaftliche Konstellationen aus Gefälligkeiten zugrunde, die keinem Staat moralischen Vorsprung gewähren. So scheint die Sorge der Bundesregierung um die Zukunft des Regenwaldes paradox, wenn man sich vor Augen führt, dass sich die Massentierhaltung nur durch den regelmäßigen Import von billigem Soja auf den Beinen hält. Deutschland betrifft also eine unbedingte Handlungspflicht in Bezug auf den Export von Soja und Sojaprodukten. Für die Umweltschutzorganisation WWF führt kein Weg an der Verschärfung des gerade geschlossenen Freihandelsabkommens zwischen EU und MERCOSUR vorbei.

Daneben hat die Organisation weitere Forderungen aufgestellt: Keine Agrarprodukte mehr aus illegal abgeholzten Regenwälder, Bemühungen für den Fortbestand von Schutzgebieten und indigenen Territorien in Brasilien und den Anrainerstaaten und die Sicherstellung entwaldungsfreier Lieferketten. Mit einer Hau-Ruck-Petition hat das WWF einen Appell an die Bundeskanzlerin gerichtet. Ein Appell das nichts als Wahrheiten beinhaltet. Es geht um Tierarten, es geht um Menschenleben.
Ein Appell über den Schmerz der Lunge der Erde. Und diese sagt nichts anderes, als dass unser Leben unmittelbar von diesem Wald abhängt. Wir leben immer noch in der irrtümlichen Annahme, dass die Klimakatastrophe irgendwo in ferner Zukunft liegt, irgendwo, wo wir uns das bittere Ende nicht mehr geben müssen. Solche Illusionen sind symptomatisch für ein Weltverständnis, in dem das von jungen Jahren an eingetrichterte Verständnis für Individualität spätestens in den späteren Schuljahren mit dem pädagogischen Konzept des globalen Lernens kollidiert. So Leben wie man will und so handeln, dass es allen hilft. Doch eine Untersuchung der Aufnahmekapazität von Kohlenstoffdioxid des internationalen Forscherteams in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München nimmt uns diese letzte Illusion. Entscheidend ist der Phosphorgehalt des Bodens. Das Nährstoffangebot entscheidet über die Produktion von Biomasse. Dieses sei bis heute nicht genau erforscht worden. Und inwieweit dieser die Produktion von Biomasse begrenzt, hat die Wissenschaftlerin Dr. Katrin Fleischer der Technischen Universität München mit einer internationalen Gruppe aus 10 Ökosystemmodellierern untersucht.

14 verschiedene Ökosystem-Modelle wurden zur Ermittlung der Reaktion des Regenwaldes auf eine Zunahme der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre eingesetzt. Die Simulation der Kohlendioxid-Konzentration wurde für 2 Szenarien durchgeführt.
Die mit den Modellen errechnete Biomassenproduktion für die nächsten 15 Jahre wurde zunächst mit der derzeitigen Kohlendioxid-Konzentration von 400ppm durch geführt. In der zweiten Simulation dann mit 600ppm. Das Ergebnis ist gut und schlecht zugleich. Zusätzliches Kohlendioxid könnten die Bäume absorbieren und in Biomasse umwandeln, jedoch nur wenn ausreichend Phosphor zu Verfügung stehe. Ansonsten sinke der CO2-Düngeeffekt wieder ab, so die Forscher. Die Aufgabe der unterschiedlichen Modelle war es, mit Einberechnung verschiedener Faktoren, eine mögliche Absenkung der zusätzlichen CO2-Aufnahme zu prognostizieren. Und mit ziemlich hoher Genauigkeit sagt die Studie jetzt schon voraus, dass der Regenwald in seiner Aufnahmefähigkeit kurz vor dem Ende steht. Denn für das zweite Szenario ergab sich ein Mittelwert von 50%. Einige andere Modelle lagen sogar bei 100 %. Unser wichtigstes Entsorgungslager für Emissionen steht kurz vor dem Kollaps. „Dies würde bedeuten, dass der Regenwald schon jetzt am Limit ist und keine weiteren, vom Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen mehr aufnehmen kann“, erklärt Fleischer. „Wenn dieses Szenario sich als zutreffend erweist, würde sich das Klima der Erde deutlich schneller aufheizen als bisher angenommen.“

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