Epidemien und Pandemien sind seit jeher Inspiration für düstere Darstellungen über das unerwartete Ende des Lebens in Kunst, Dichtung und Philosophie. Sie tauchen als Zwischenstationen in der Geschichtsschreibung auf, ohne ausreichend Beachtung zu finden. In Malereien sind sie als gewaltige Eindrücke zu betrachten, in die wir uns aus unerklärlichen Gründen gerne vertiefen. Wir glauben grundsätzlich fern von solchen Gefahren zu leben. Diese Ignoranz und die falsche Auffassung von der Selbstverständlichkeit des Lebens, gehören zum wesentlichen Ausdruck einer Anschauung, die tief im Geflecht technologischer und zivilisatorischer Fortschritte verwachsen ist. Es ist an der Zeit das Leben neu zu begreifen.

Autor: Halil Celiksoy, Gründer von Celixoy.de


Das imposante Öl-Gemälde aus dem Louvre zeigt die Pest um 1720 in Mailand.

Die Geschichte der Menschheit kennt viele Pandemien, die dem Verlauf ganzer Epochen und den darin entstandenen Weltanschauungen ihre maßgeblichen Formen verliehen haben. In historischen Werken, Historienmalereien, Kirchengeschichten und in Erzählungen von Geschichtsschreibern wie dem von Prokop, treten sie als düstere gesellschaftliche und geistige Wendepunkte zwischen zivilisatorischem Fortschritt und irrsinnigen Kriegstreibereien auf. Nichts ist resistenter gegen die immerzu lauernde Vergesslichkeit, als die beinahe genetisch weitergegebene Urangst vor dem Ende des Lebens durch einen heimtückischen und unbekannten Virus. Eine undefinierbare Krankheit, die den Menschen zwingt, sich mit einer Philosophie Jenseits schöpferischer Darlegungen und Lobpreisungen des Lebens auseinanderzusetzen. Dieses immerwährende Bild eines solchen Menschenfeindes, dass ihm die hässliche Wahrheit der unausweichlichen Vergänglichkeit seines Wesens vor Augen hält, bedeutet ihm mehr als er sich eingestehen möchte und würde. Es gibt bislang keine verlässliche Jurisprudenz, die der ständig lauernden Gefahr durch einen unkontrollierbaren Virus, einen würdigen und angemessenen Platz in einem beliebigen Bereich menschlicher Errungenschaften zugesteht.

Das sichere Leben in Zeiten des medizinischen Fortschritts und der digitalen Technologie ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Ein menschliches und verhängnisvolles Versagen durch eine unerwartete Pandemie, erscheint uns apokryph und mittelalterlich, weil der Humanismus, Liberalismus und die Aufklärung längst nicht mehr nur die Individualität und angeborene Freiheit des Menschen bedeuten, sondern seine unbedingte Überlebensfähigkeit. Diese ergibt sich als Nebenprodukt eines schöpferischen Geistes, der in Freiheit über sich hinaus wächst und beginnt, die übermächtige Natur zu kontrollieren. Der Mensch beginnt, Gedanken und Ideale in allen erdenklichen Formen anschaulich zu machen, Begriffe hervorzubringen und durch Dichtung und Kunst Emotionen zu schaffen. Um nichts gibt es mehr Emotionen und künstlerisch ausufernde Ekstasen, als um das bis zum Überdruss definierte Leben. Das Überleben als hypertropher Deutungsansatz für eine sich positiv und linear entwickelnde Menschheitsgeschichte, an dessen Ende Gott keinen Einfluss mehr hat und der Mensch den Höhepunkt seiner selbst geschaffenen Evidenz erreicht. Etwas, das er sich selbst gegeben hat, um alles andere, vermeintlich unmächtige und bedeutungslose Leben durch seine, sagen wir mal Neoapologetik, zu verhöhnen.

Nun wird dieses wissenschaftliche, liberalistische und humanistische Dogma eines unbedingten historischen Determinismus in die Knie gezwungen. Dabei gab es in der Vergangenheit zahlreiche Warnungen, die unglücklicherweise in den Schatten der magischen und unwiderstehlichen Renaissance gerieten, um dann für immer im Unterbewusstsein vergraben zu werden. An Überlieferungen fehlt es in jedem Fall nicht. Historische Quellen die auf das Jahr 628 zurückdatiert werden konnten, berichten über einen Pestausbruch, der nach dem Perserkönig, als Pest der Sharbaraz, benannt wurde. Sie wütete in Syrien und im sassanidischen Mesopotamien. In Ktesiphon fielen ihr tausende Menschen zum Opfer. Natürlich waren dies nicht die ersten überlieferten Epidemien. Neben dem griechischen Geschichtsschreiber Prokop, der über das erste Auftreten einer Seuche im geschichtsträchtigen Konstantinopel erzählt, gelten hauptsächlich die Kirchengeschichten des Eugrios oder Johannes von Ephesos als wichtigste erzählende Quellen für die erste schriftlich erwähnte Pandemie. Doch im Vergleich zu manchen Pandemien im 19. Jahrhundert, erscheinen die meisten aus dem Mittelalter nahezu bedeutungslos.

Zwischen 1918 und 1920 verbreitete sich in mindestens zwei Wellen eine Influenza-Pandemie, welche durch einen ungewöhnlich virulenten Abkömmling des Influenzavirus (Subtyp A/H1N1) verursacht wurde: Die gefürchtete Spanische Grippe. Im Frühjahr 2002 bilanzierte die Fachzeitschrift Bulletin of the History of Meicine die Pandemie mit knapp 50 Millionen Todesopfern. Zu berücksichtigen ist hierbei auch die damalige Weltbevölkerung mit 1,65 Milliarden Menschen auf der Erde, dem die Zahl der Todesopfer gegenüber stand. Die Letalitätsrate lag bei 1,5 bis 3 Prozent. Hier spielte die kriegsbedingt hohe Mobilität, wie auch sonst die durch wachsende Mobilität begünstigte Ausbreitung von Viren, eine bedeutende Rolle. Mit insgesamt 5 Ausbrüchen und unzähligen Todesopfern, nimmt eine weitere Erkrankung einen bedeutenden Platz in der Geschichte der tödlichsten Pandemien ein. Noch heute ist der sogenannte “sudor anglicus”, der Englische Schweiß, Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Denn ihr plötzliches Auftauchen und Verschwinden stellt Forscher vor viele Fragen. 1507 begonnen, war ihr letzter Ausbruch um 1551. Typisch war die sehr kurze Inkubationszeit und eine vergleichsweise hohe Letalitätsrate. Zwischen dem Auftreten erster Symptome und dem Eintreten des Todes lagen deshalb oft nur wenige Stunden. Geändert haben sich seit den Pandemien in früher Zeit die medizinischen Möglichkeiten. Aber die Gefahr, einer sich plötzlich entwickelnden Pandemie, welche sich in kürzester Zeit über den ganzen Globus spannt, ist nach wie vor vorhanden.

Bislang gelang es den Viren jede erdenkliche Phase evolutionärer Prozesse zu überleben und sich den harten Bedingungen des Lebens anzupassen. Ihre Methode ist so einfach wie Intelligent zugleich. Viren führen keinen Kampf. Sie setzen sich keiner möglichen Gefahr der Vernichtung aus, wie wir es aus der lebendigen Tierwelt kennen. Sie sind streng betrachtet nicht einmal lebendig. Sie dringen in Zellen ihres Wirts ein, manipulieren deren Informationen und machen sie zu ihren Sklaven. Dazu brauchen sie nicht mehr, als einen gut schützenden Mantel, in dem sich das invasive Erbgut und einige Proteine befinden. Dazu muss sie jedoch die passende Wirtszelle finden. Da Viren über keinen eigenen Stoffwechsel verfügen, bedienen sie sich für ihre Vermehrung an dem der Wirtszelle. Aus diesem Grund veranlassen sie durch ihr eigenes freigesetztes Erbmaterial die Wirtszelle dazu, den gesamten Prozess der Vervielfältigung der Viren zu übernehmen. Zunächst heftet sich das Virus an die Zelloberfläche an (Adsorption). Ist ihr dieser Schritt gelungen, dringt sie in die Zelle ein, um ihr Erbgut in der Wirtszelle freizusetzen (Penetration). Nun kann die eigentliche Arbeit beginnen. Das Viruserbgut wird vervielfältigt und Viruseinzelteile werden hergestellt. Die Viren sind bereit zur Freisetzung aus der Zelle.

Wiewohl Viren und ihre Verbreitung weitgehend erforscht sind und es nicht die erste Pandemie ist, die eine unfassbare Kettenreaktion an Todesfällen ausgelöst hat, ist die Angst eine bislang ungekannte, eine mit der Lebenswirklichkeit der Gegenwart auf besondere Weise verflochtene Angst. In dieser Angst erstarrt, richtet die Welt ihre Augen auf tagtägliche Berichterstattungen. Dies zeigt, wie sehr sich der hochentwickelte Zeitgeist vom Wissen über Naturgesetze verabschiedet hat. Unsere Perspektive ist nicht etwa die der rationalen, neugierigen und respektierenden Anschauung zur Natur, sondern eine Haltung des unbedingten, rücksichtslosen und als selbstverständlich erklärten Lebens, das bereit ist jedes andere Gesetz, das dem Überlebensanspruch des Menschen nicht dienlich ist, auszublenden. Und es ist der technologische Fortschritt, der durchaus wichtig und gut ist, aber eben durch all die Eigenschaften angetrieben wird, welche das Menschsein in allen Aspekten des Lebens impliziert. Die Wissenschaft erlebt derzeit eine Prüfung, an der sich zeigen wird, ob sie nicht nur Erkenntnisse hervorbringen, sondern auch die ungelöste Aporie des Lebens ein für alle mal lösen kann. Zumindest hat die Wissenschaft begonnen mit Hochdruck nach einem Gegenmittel zu suchen. Die Corona-Pandemie ist Anstoß für ein wissenschaftlichen Wettbewerb, der die höchsten Technologien der einflussreichsten Unternehmen zur vollen Entfaltung treibt.

Beim Technologiekonzern IBM ist der Kampf gegen Covid19 zu einer Kernaussage der Unternehmensphilosophie geworden. Supercomputer testen in nie dagewesener Geschwindigkeit tausende Arzneimittelverbindungen. Schon lange liebäugeln führende Technologiekonzerne, die sich der fortwährenden Entwicklung der Künstlichen Intelligenz widmen, mit einem technologischen Durchbruch in der Medizin. Diagnose, Behandlung, Nachsorge, ja sogar chirurgische Eingriffe. Das alles soll die algorithmische Hexerei des Big Data eines Tages bewerkstelligen. Insbesondere China investiert, vor allem verstärkt durch die Covid19- Pandemie, viel Geld in die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI). Die Regierung treibt KI-gestützte Forschungsinitiativen systematisch voran.
Bid-Data-Analysen werden verwendet,um Ausbrüche in Zukunft vorherzusagen. Die Künstliche Intelligenz liefert die Grundlage optimierter Forschung und besserer Präventions- und Kontrollmaßnahmen. Auf diese Weise enstehen aufschlussreiche Modelle und Frühwarnsysteme. Deep-Learning -Modelle, die sich an Unmengen von Daten ernähren, um potenzielle Viruswirte basierend auf der Gensequenzanalyse und aus der Untersuchung verschiedener Coronaviren vorherzusagen. Es ist die Angst, die den Menschen zur Hochform treibt. Vielleicht ist sie das wichtigste Mittel, um wieder einmal aus einer Aporie auszubrechen. Wieder einmal, getrieben von Angst. Eine Angst, die auch unsere Vorväter heimsuchte.

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