Die Massenmedien werden beschuldigt, lediglich den Interessen übergeordneter politischer Ziele zu dienen und einseitig zu berichten. In den sozialen Medien steht der Journalismus einem nie dagewesenen Misstrauen gegenüber. Der Tenor der protestierenden Massen richtet sich nicht lediglich gegen politische Verfügungen, sondern auch hörbar gegen etablierte Medien. Und noch nie gab es eine solche politische, gesellschaftliche und öffentliche Uneinigkeit, aber zugleich auch ein hohes Bedürfnis an wirksamer Partizipation am politischen Geschehen und eine derartige Entschlossenheit breiter Massen, grundlegende Veränderungen zu verwirklichen. Welche Rolle spielt der Journalismus in der Corona-Pandemie und hat er wirklich versagt?

Noch vor zehn Jahren stand der Journalismus durch die zunehmende Rolle der Rezipienten als Meinungsmacher in den sozialen Netzwerken vor neuen Herausforderungen. Die sich verändernden Nutzungsmotive der sozialen Medien bedeuteten nun auch, dass der Rezipient durch die fortschreitende Entwicklung digitaler Plattformen immer mehr zum Produzent verschiedenster Inhalte wurde. Wissenschaftler sprechen hier von einer Konvergenz medienrezeptiver und medienproduktiver Aktivitäten. Genauer bedeutet das: Die Nutzer waren nicht mehr nur Konsumenten von Medieninhalten, sondern produzierten zunehmend selbst Inhalte, um sie dann öffentlichkeitswirksam auf diversen digitalen Plattformen und sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Ein Gewinn für die pluralistische Gesellschaft, in der Meinungsvielfalt und uneingeschränkte Teilnahme nun zusätzlich durch Vernetzung und digitale Partizipation gefördert wurde. Doch nicht nur.

Denn die Vorzüge der vernetzten Kommunikation und Meinungsbildung rief auch verfassungsfeindliche Bewegungsakteure auf den Plan. Soziale Medien und CMS-Plattformen wie WordPress, boten die beste Grundlage für eine kollektive Inszenierung gefährlicher ideologischer Haltungen. Für jeden war und ist es auch heute möglich, Unterhaltungs- und Wissenscontent nach Belieben zu gestalten. Medienwissenschaftler und Journalisten hatten zu Beginn allen Grund, sich um die Zukunft des qualitativen Journalismus zu sorgen. Der Zuwachs reichweitenstarker Blogger und Bewegungsakteure ist bis heute ungebremst vorangeschritten, doch die Sorge, dass der Journalismus in der Vielfalt der neuen Internet-Medien untergehen könnte, stellte sich als gegenstandslos heraus. Gerade in der Zeit der Corona-Pandemie ist das Bedürfnis nach klassischen Medien und etablierten Online-Formaten nachweislich gewachsen. Dennoch erlebt der Journalismus eine Art Déjà-vu. Und dies ergibt sich gegenwärtig aus ganz anderen Faktoren. Die Auswirkungen sind komplizierter, politischer und zerstörerischer. Der Unterschied zu damals: Der Journalismus kann im Hinblick auf die Entwicklungen diesmal nicht als Kläger auftreten.

Von seinen Werten und seiner Rolle hat er sich zunehmend entfernt. Es gibt viele Werte von denen der Journalismus getragen wird. Die wichtigsten sind wohl, als Mahner und Schützer der Öffentlichkeit zu handeln, dem Bildungsauftrag nachzugehen, die Stimme der Schwachen aufzugreifen und nach bestem Gewissen zu publizieren. Es ist viel passiert seit dem ersten Bericht zum Ausbruch des Corona-Virus. Wissenschaftler sind sich Uneinig über Viruslast, Verbreitung und hygienische Maßnahmen beim Corona-Virus. Medien berichten im voreiligen Tempo über neue Erkenntnisse und verursachen damit eine Katastrophe des lückenhaften Wissens. Die Politik kann seine Entscheidungen nicht durchsetzen, ohne das tausende Menschen auf die Straßen gehen und gegen jede Verfügung protestieren. Und diese Menschen handeln berechtigt. Die Massenmedien werden beschuldigt, lediglich den Interessen übergeordneter politischer Ziele zu dienen und einseitig zu berichten. Die Vorwürfe sind nicht haltlos. In den sozialen Medien steht der Journalismus einem noch nie dagewesenen Misstrauen entgegen. Und noch nie gab es eine solche politische, gesellschaftliche und öffentliche Uneinigkeit, aber zugleich auch ein hohes Bedürfnis an politisch wirksamer Partizipation und eine Entschlossenheit breiter Massen, grundlegende Veränderungen herbeizuführen.

Politische und gesellschaftliche Ambitionen, die sich in einer beispiellosen Polemik wie in diesen Tagen durch unermüdlichen Widerstand gegen alles was sich nicht mit den Forderungen harmoniert, ausdrücken. Hier geht es nicht um eine überschaubare Unzufriedenheit nur einiger Gruppierungen. Die Corona-Pandemie ist Auslöser einer Art gesellschaftlicher Dissoziation. Eine Abwendung von Dingen, die zur pluralistischen Gemeinschaft innerhalb einer intakten demokratischen Gesellschaft gehören. Und der Journalismus hat es nicht besser gemacht. Die Berichterstattung denunziert, beschuldigt, pauschalisiert und verurteilt. Sie schafft keine geistigen Perspektiven. Sie bereichert nicht. Die Abwendung vieler Menschen vom Staat, seinen Organen und den etablierten Medien, ist ein unverkennbares Zeugnis dieses Versagens. Das gesellschaftliche Misstrauen weißt komplexe Verwachsungen auf und ist politischer als sie sein sollte und Debatten verlagern sich jenseits wesentlicher Fragen zur Pandemie auf ein neu entstandenes Schlachtfeld, auf dem es ganz offenbar um die Neuordnung der Machtverteilung geht.

Auch wenn dieser Gedanke nun so plötzlich kommt: Wie konnte so etwas möglich sein? Dort wo die Fähigkeit des gesellschaftlichen Handelns und die notwendige Konvergenz von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft am meisten gefordert ist, kolportiert nun jeder einzelne nach Belieben Schreckensgeschichten. Moralphilosophische Haudegen geistern durch die sozialen Medien und lassen keine Gelegenheit aus, sich dem Trend der polemischen Tiraden anzuschließen. Eine neuartige Sozialisierungsdynamik, angetrieben durch soziale Medien, fehlerhafte Berichterstattungen und einflussreiche Persönlichkeiten, stellt die Politik auf den Prüfstand. Meinungsvielfalt ist gut, aber nicht dort wo es um die Gesundheit der Menschen geht. Denn die Wissenschaft wird in erster Linie von der Achtung der Menschen ihr gegenüber als höchste Kultur und Errungenschaft getragen. Die Übermittlung wissenschaftlicher Inhalte ist eine unfassbar große Verantwortung. Wissenschaft ist weder sensationell noch unterhaltsam. Sie bildet, überwindet Rückständigkeit und hilft uns, zueinander zu stehen. Dem deutschen Journalismus scheint dies nicht bewusst zu sein. Und gegenwärtig wird Wissenschaft grenzwertig politisch.

Mitten im Kreuzfeuer zwischen Politik und gesellschaftlichem Stimmungswandel versucht sie ihre Stimme hörbar zu machen. Die Berichterstattung wird durchgehend von der Wahrnehmung über die Unstimmigkeiten zwischen Medien, Politik und Wissenschaftlern begleitet. Und wo Uneinigkeit herrscht, bilden sich neue Fronten und Bewegungen. Der gesellschaftliche Zwiespalt, ausgelöst durch voreilige Entscheidungen in der Corona-Politik, scheint keinen festgefahrenen und bekannten ideologischen Handlungsmustern, Dynamiken und Anschauungen zu folgen. Alles ist möglich. Auch, dass zueinander konträr stehende Ideologien und parteipolitische Haltungen gemeinsam im Chor Parolen schreien. Die Presse hält dennoch ihren Kurs und berichtet eintönig, abwertend und zynisch. Analyse, ausgewogene Zusammenführung und Kritik, weichen einem wahnwitzigen Publikationsdruck und dem Hang zur sensationellen Darstellungsweise. Auffällig ist daneben, dass man jene Fachleute, die in der Berichterstattung so oft zitiert werden, praktisch an der Hand abzählen kann. Von umfassendem Weitblick des Journalismus kann also nicht die Rede sein. Diese Tatsache äußerst sich auch auf politischer Ebene in der fehlenden Interdisziplinarität.

Politische Entscheidungen zu Corona-Maßnahmen sind hauptsächlich in Zusammenarbeit mit nur einigen renommierten Virologen, Medizinern und mathematischen Modellierern getroffen worden. Keine führenden Soziologen sind sind zu Wort gekommen, keine Psychologen, keine Philosophen. Darum hätte sich der Journalismus kümmern müssen. Maßgeblich für politische Entscheidungen und den Lockdown waren stattdessen Modellrechnungen von Wissenschaftlern des Imperial College in London. Die Berechnungen lagen jenseits der gegenwärtigen Wirklichkeit. Demnach sollte es weltweit 40 Millionen Covid-19-Tote geben; für Deutschland wurden1,1 Millionen Intensivpatienten prognostiziert. Zahlen zu tatsächlichen Neuinfektionen und Tote wurden und werden ohne positive Aspekte wie erfolgreiche Kenntnisse und Fortschritte dargestellt. Berichtet wird nur über Corona-Tote und Verbreitung des Virus. Der tägliche Katastrophenalarm löst einen von tiefer Unsicherheit ausgelösten Handlungsreflex bei Menschen aus, bringt sie dazu, eine eigene Realität zu schaffen, sich zu gruppieren und nach neuen Erklärungen zu suchen. Die tatsächliche Gefahr wird damit verzerrt und Zwiespalt in der Bevölkerung macht sich breit. Die Politik tut ihr Übriges. Entscheidungswege der Regierung und Länder werden nicht transparent dargestellt.

In den Medien wird und wurde kaum thematisiert, ob die Maßnahmen zur Corona-Pandemie in einem gut begründeten Verhältnis zur Notwendigkeit stehen und ob die Gefahren potenzieller Interessenskonflikte bedacht wurden. Die Schlagzeilen der Medien sind nicht nur irreführend, sondern in vielen Fällen grob fahrlässig. Wörtliche Zitate werden komplett aus dem Kontext gerissen und als Titel verwendet. Hauptsache sie suggerieren Gefahr und Hoffnungslosigkeit. Die Fragen besorgter Menschen nach dem Hintergrund und der Realität dieser Gefahr werden gar nicht erst gehört. Eine von oft erwähnten Argumenten für die festgelegten Corona-Maßnahmen, die sich auf Hochrechnungen nur einiger Virologen stützen, ist die gemutmaßte Neuartigkeit des Virus. Dies wurde dadurch beschrieben, dass es weltweit keine Immunität gegen das Virus gebe und sich praktisch jeder infizieren könne. Auch diese These wurde von den Medien blind übernommen, verschärft formuliert und in noch schärferen Titeln der Öffentlichkeit serviert.

Die These vieler Menschen, dass Corona so gefährlich wie eine normale Grippe sei, wurde in den Medien vielfach scharf kritisiert. Sie wurden als rechte Sympathisanten, Covidioten und Verschwörungstheoretiker abgetan. Sieht man sich jedoch die Ergebnisse vieler Studien zur sogenannten Infection Fatality Rate an, welche den Wert über den Anteil der Todesfälle an allen Infektionen angibt, ist diese Annahme nicht weit her gegriffen. Sie liegt im Bereich von 0,1 bis 0,3 Prozent, also dem einer normalen Grippe. Die durchgehend negative Berichterstattung zu Corona hat die inzwischen begründete Annahme einer Vertrautheit des menschlichen Immunsystems mit Viren aus der Coronagruppe durch frühere Kontakte vollkommen ausgeblendet. Dies belegt die bewusste Sensationssucht der Medien und die grobe Missachtung publizistischer Sorgfalt, mit dem einzigen Ziel, die Lage für ihre Reichweite zu nutzen, nahe.

Die öffentliche Wahrnehmung zur Corona-Pandemie wurde maßgeblich durch ungezielte Tests, ihre verzerrten Messwerte und die blinde Übernahme durch Politik und Medien verursacht. Sog gab die Ärztezeitung bekannt, dass im Vorfeld der Gespräche zwischen Bund und Ländern die Corona-Politik durch Gesundheitsexperten massiv kritisiert wurde. Die Kernaussage dieser Kritik lautete, dass die „typische Infektionskrankheit“ Covid 19 keinen Anlass dafür darstelle, in „metaphysischer Überhöhung, „alles gemeinsame und alles soziale“ in Frage zu stellen. Die geäußerten Zweifel bestehen aus 23 Thesen. In der selben Kritik wird angeführt, dass einfache Maßnahmen wie das Verbot von Großveranstaltungen ausgereicht hätten, um auf den heutigen Stand der Epidemie zu kommen. Und in der selben Kritik wird ebenso angeführt, dass sich Zahlen und Messgrößen, mit denen politische Entscheidungen begründet wurden, widersprechen und von Akteuren aus der Wissenschaft unterschiedlich interpretiert wurden. Das führt unweigerlich zu der Frage, ob Epidemien überhaupt sinnvoll messbar sind und ob eine politische Verwertbarkeit und Relevanz in dem Maße wie wir es in der Gegenwart erleben gegeben ist. Auch dies wurde kaum thematisiert.

Fehler in dieser Dimension führen nicht nur zur zunehmende Skepsis gegenüber Politik und Medien. Sie führen ebenso zur Bildung von Gruppierungen in den sozialen Netzwerken, die demokratiefeindliche Handlungsmuster und Konventionen etablieren, die nicht zuletzt zu Protesten und führen, sondern auch die Bedeutung und Rolle des Journalismus akut in Mitleidenschaft ziehen. Sozialisierungsmechanismen, egal ob in den sozialen Netzwerken oder im gesellschaftlichen Geschehen, wurden schon immer durch kontroverse politische und gesellschaftliche Entwicklungen genährt, um dann Einfluss auf das Verhalten breiter Massen zu nehmen. Wenn ich Ungerechtigkeit spüre, überlege ich, wie ich dies möglichst wirkungsvoll anprangern kann. Hierzu nutze ich die mir zur Verfügung stehenden technischen und kulturellen Möglichkeiten. Es ist im Grunde also normal, dass Menschen auf die Straße gehen, demonstrieren, sich gegen staatliche Verfügungen erheben und als Akteure in den sozialen Medien zur Meinungsbildung beitragen. Es ist gefährlich, aber dennoch normal, dass konträre ideologische Haltungen in bestimmten gesellschaftlichen Themen die gleiche Meinung teilen.

Wenn also rechts gesinnte Menschen mit liberal gesinnten Menschen Seite an Seite demonstrieren, muss es nicht zwingend gewollt sein. Es sollte jedoch nicht Normalität sein, den Journalismus als denunzierendes, pauschalisierendes und dogmatisierendes Instrumentarium zu nutzen, ganz gleich, ob man nun moralisch getrieben handelt oder nicht. Denn während führende Akteure in den neuen Medien und politischen Gruppierungen daran sind, das demokratische Verständnis einer breiten Masse zu manipulieren, muss es gerade die Sorgfalt des Journalismus sein, schon beginnend beim Titel eines Artikels, der Überlegung Raum zu geben, welchen Wert die übermittelten Gedanken und Fakten in sich tragen und wie sie sich auf neu entstehenden Verhaltensmuster der Nutzer auswirken könnten. Gerade in einer Debattenkultur, die sich wie ein Lauffeuer verhält und bleibende Schäden hinterlässt. Als Mahner der Öffentlichkeit steht es dem Journalisten nicht frei, medienökonomischen und wirtschaftlichen Aspekten Vorrang zu gewähren. Er kann die sich im Rahmen der digitalisierten Debattenkultur entstandenen Nutzungsmotive bestimmter Gruppierungen nicht als Rechtfertigung für sein eigenes Handeln anführen. Man müsste annehmen, dass die diese Gedanken nicht neu sind. Jeder ausgebildete Journalist kennt sie. Die Verantwortung des Journalismus, welche sich im Bezug auf die Digitalisierung aus der Konvergenz der Mediennutzung und der damit verbundenen Sozialisierungstendenzen ergeben, sind jedoch aktuell wie nie.

Die gewaltige und oft verheerende Macht öffentlich bekannter Akteure zeigt sich in Zeiten der Corona-Pandemie in seiner vollendeten Form. Und da hilft es wenig, demonstrierende Menschen als Covidioten oder Neonazis zu beschimpfen. Denn an dem Punkt, wo man die für die Demokratie eigentlich zuträgliche Sozialisationsfunktion der Medien und dessen Auswirkungen auf absurde Weise verurteilt, hört der Journalismus auf sich schützend vor die Meinungsfreiheit zu stellen. Dort hört er auf, vierte Gewalt zu sein und dort hört er auch auf, als Anwalt der Demokratie und Öffentlichkeit zu fungieren. Einem Nutzer zu unterstellen, er sei handlungsprogrammatisch, also geplant und wissend Mitglied einer Gruppe geworden, entbehrt jedem konstruktivem Ansatz. Gruppierung und mit ihnen gemeinsam politische Handlungsabsichten sind nicht so einfach, wie sie dieser Tage in den maßlosen Verurteilungen, insbesondere durch etablierten Medien dargestellt werden. Natürlich prägen politisch relevante Gruppierungen eine wahrgenommene Realität im Raum eines bestimmten gesellschaftlichen Problems oder einer Herausforderung.

Und natürlich muss das nicht immer gut sein. Aber ist es wirklich besser, abweichende Meinungen und laute Rufe zurückzuschmettern? Es ist nun mal so, dass das Meinungsmonopol der klassischen Medien schon seit geraumer Zeit Vergangenheit ist. Selbst wenn sie durch die Pandemie wieder aufzuleben scheint. Und es ist auch so, dass die daraus erwachsende Herausforderung in den sozialen Medien nicht lediglich digital technologisch sind, sondern zunehmend kulturell. Das haben Allert und Assmusen bereits 2017 im Werk „Digitalität und Selbst“ festgestellt. Es wird Zeit, den Auftrag des Journalismus in gegenwärtiger Situation zu überdenken, zu festigen und zu schützen.

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