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Jeder kennt sie. Irgendwann trifft jeder so einen Menschen. Man lernt sie plötzlich kennen. Über Freunde, Bekannte, Freundesfreunde. Irgendwann passiert es. Es ist verrückt, aber man meint sie am Aussehen erkennen zu können. Veganer. Auf viele Menschen wirken sie immer noch suspekt. Wenn man in ihre soziale Sphäre geriet, kommt das seltsame Gefühl hoch, den zivilisatorischen Fortschritt verschlafen zu haben. Sie Leben den Klassizismus der modernen Ernährung, sie weichen niemals ab. Keine Gemütslage des Lebens vermag ihre nüchterne Sichtweise zur Prämisse eines religiös anmutenden Daseins zu erschüttern. Sie prägen den aufkommenden Liberalismus in der multikulturellen Küche, definieren Individualität neu, verleihen dem Gemüse eine lineare und revolutionäre Geschichtsschreibung vom verachteten Grünzeug in der Mitte der 90er, zu Nahrungsmitteln, die es ermöglicht haben, moralische Anschauungen aus Grünkern-Bratlingen zu abstrahieren um schlussendlich mit einer vollendeten Weltanschauung gewürdigt zu werden. Die grüne Diktatur. Und ehe man richtig in Kontakt mit ihnen kommt, hat man bereits das dumpfe Gefühl alles richtig machen zu müssen.

Im Kopf hält man bereits alle geschliffenen und lang geübten Argumente für ein nicht veganes leben bereit, um nicht in eine Pattsituation zu geraten oder gar rhetorisch von einem barbarisch-fundamentalen Veganer überrollt zu werden. Nur Tiere überrollen sie nicht, deshalb sollte man vorsichtig sein. Man befindet sich im Kampfmodus wie selten zuvor im Leben. Alle Intellektualität konzentriert sich nun auf diese eine Begegnung mit einem Veganer. Fakten und Bilder aus der medialen Reizüberflutung, versuchen sich zu einer plausiblen politischen und ideologischen Haltung zu formieren. Während dieser Gedanken spürt man, dass noch ein Stück Fleisch zwischen den Vorderzähnen vom Mittagsessen steckt. Das Groteske daran: Es schmeckt gut. Man hat niemanden verraten, aber man fühlt sich als solcher. Plötzlich versteht man, weshalb einem das eigene Leben wie eine Schimäre vorkommt. Ein Gefühl des unrühmlichen und egozentrischen Existierens schleicht sich von den Beinen in den Kopf hoch. Man wird schwächer, der Rücken krümmt sich langsam aber bemerkbar, der Kopf wird schwer. Die mühevoll ausgedachten Argumente lösen sich in Luft auf. Der Kopf ist leer. Ich denke an den Übermenschen von Nietzsche. Ich kapituliere. Vor meinem geistigen Auge steht ein Prototyp-Veganer, breit grinsend mit langem wellenden Haar, einem Drei-Tage-Bart und einem lockeren flatternden T-Shirt in pastellgelb.

Wer kennt es nicht, außer die Veganer natürlich? Diesen Moment der suggestiven Bedrohung. Aber was teilen uns diese Menschen mit? Die Existenz des Veganismus wird von drei ideologischen Triebfedern aufrecht erhalten: Umweltschutz, Tierschutz und Gesundheit. Über Gesundheit kann man sich streiten. Bevor ich nun mit dem berühmten Fleischparadoxon ansetze, das unsere parallel existierende Anschauung von Tierliebe und exzessiven Fleischkonsum beschreibt, möchte ich eine grundlegende Sache aus tiefstem Herzen loswerden: Nein liebe Veganer, es ist nicht gesund. Auch wenn uns naturalistisch anmutende fröhliche Vlogger wie Alijosha und Gordon etwas anderes flüstern. Oder Psychologen, die uns längst mitgeteilt haben, dass die geschaffenen negativen Stereotypen über Veganer eine traurige Folge irrationaler psychologischer Abwehrreflexe sind. Gesund? Das ist wissenschaftlich unmöglich. Auf Aminosäurezusammensetzung in pflanzlichen und tierischen Proteinen und auf andere Fakten möchte ich hier nicht eingehen.

Tatsächlich begrüße ich aber den ökologischen Ansatz des Veganismus. Auch ihre ernste Haltung zum Tierschutz teile ich. Auch möchte ich vorausschicken, dass ich kein überzeugter Fleischesser bin. Tierliebe und Fleischkonsum?…ähh ja…das geht tatsächlich. Ich unterscheide allerdings Ökologie und Ökonomie und Ideologie. Denn, dass Tiere so sehr leiden und die Massentierhaltung einen beträchtlichen Teil des CO2-Ausstoßes verursacht, ist ein rein wirtschaftlich und damit auch ehrlich gesagt ein kapitalistisch verursachtes Problem. Angenommen wir hätten nur eine Milliarde Menschen auf unserem Planeten, wäre der CO2-Ausstoß nicht dort wo er heute ist. Auch gäbe es vermutlich keine Massentierhaltung und somit weniger bis kein Leid. Würde ich auf einem Bauernhof leben und nur für mich und meine Familie schlachten und konsumieren, wäre das vollkommen in Ordnung. Mich stört der Gedanke, den Menschen aufgrund seines Fleischkonsums zu klassifizieren. Denn das tut er bereits seit 100.000 Jahren. Es war nie anders. Veganer würden Fleischkonsum aber auch ablehnen, wenn sich jeder selbst sein eigenes Tier schlachten würde.

Diese sakral anmutende Tierliebe hat nichts mit der Entwicklung und Verantwortung des Menschen im Sinne einer demokratischen und gesellschaftlichen Aufklärung zu tun. Es ist eine persönliche Überzeugung, die genauso frei wie die Gedanken und die Religionsausübung ist. In den Medien wird Veganismus geradezu eingetrichtert. Der vegane Trend hat eine kritikresistente Dynamik entwickelt, die keine abweichende Anschauung und Analyse zulässt. Das Schwert der veganen Weltanschauung schwebt über jedem Kopf, der konkrete Gründe hat, keiner von ihnen werden zu wollen. Längst ist die vegane Lebenshaltung eine, die zu einem sozialen Geltungsanspruch geführt hat. Sie bildet Gruppen, schafft Anerkennung und sortiert Menschen nach gut oder schlecht, nach Hip oder Flop. Deutlich erkennbar ist auch, das Veganer häufig aus höheren sozialen Schichten kommen. Während der Veganismus also den Weg zur Natur zurück propagiert, verursacht es eine gesellschaftliche und erkennbare Abspaltung. Ein soziales Gefälle, dass Erwartungen stellt. Man mag es wahrhaben oder nicht. Veganismus ist hochgradig politisch. Keiner denkt bei vegan an einen migrierten Afghanen oder Türken. Es sind IT-Entwickler, Software-Ingenieure und Jungunternehmer. Menschen, die sich diesen Lifestyle leisten können, aber gleichzeitig Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht signalisieren. Es ist ein Gefühl des „Ich bin hier…ich bin dies und das…“ Der vegane Gedanke ist ehrbar. Er geht aber in der vollkommen überlasteten Massage unter.

Die Ursache liegt nicht im Fleischgenuss. Die Ursachen sind die billigen und auf Masse ausgerichteten Produktionsprozesse, fragwürdige Transportwege, wahnwitzige Kostenersparnisse, geringe Qualität in der Produktion und absurder ökonomischer Druck neue Trends zu setzen und durch billige Preise Konkurrenten auszuschalten. Zurück zur Natur? Ja! Aber darunter verstehe ich, dass jeder seinen eigenen Verstand benutzt.

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