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Der perfekte Rassismus

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Die Wahrnehmung von Rassismus ist niemals ein Missverständnis. So viel ist klar. Die politische und gesellschaftliche Debatte übt sich in Offenheit und Transparenz. Forschungen zu Rassismus setzen interdisziplinär an. Aber um den Rassismus in seiner ganzen Diversität zu ergründen und zu verstehen braucht es einen besonderen Blick für so manch gesellschaftspsychologische Abgründe. Und: Ein Verständis für den Wandel von Ideologien.

Durch menschenfeindliche Weltbilder verursachte Anschläge wie die in Hanau durch einen Einzeltäter oder solche wie die durch die Terrorzelle NSU machen deutlich, wohin eine außer Kontrolle geratene und durch die pannenanfällige Politik nicht ernst genommene Radikalisierung hinführt. Das schmutzigste Gesicht des Rassismus befolgt klare Ziele, ist brachial, sendet eine unmissverständliche Message und kennt klare Feindbilder. Jede bevorstehende Entwicklung eines solch unverhohlenen Hasses ist nahezu vorhersehbar. Das macht es eigentlich leichter dem entgegenzutreten. Stimme erheben, einschreiten, klare Stellung beziehen oder gleich den Verfassungsschutz verständigen. Es gibt unzählige Möglichkeiten der Zivilcourage und politischen Verantwortung. Umso fataler muten die an die Öffentlichkeit gekommenen Versäumnisse von Polizei und Verfassungsschutz im Falle des nationalsozialistischen Untergrunds an.

Aber der offene Rassismus ist nur ein Bruchteil jener durch gegenwärtige politische Turbulenzen auflebenden Hassideologie, die sich immer mehr den Gesetzmäßigkeiten des sozialen Zusammenlebens anpasst, um zielgerichtet aus den kleinsten Kreisen der Gesellschaft heraus zu operieren. Die Handlungsfähigkeit des offenen militanten Rassismus ist stark eingeschränkt, obsolet, nicht strategisch und läuft Gefahr bei jeder radikalen rechtsmotivierten Offensive gestoppt zu werden. Der stille Rassismus dagegen adaptiert die Normen und Regeln des öffentlichen Lebens, schließt sich Trends an, fügt sich dem gesellschaftspolitischen Konstrukt der Zeit, tritt intellektuell und demokratisch auf und geriet als Abstraktion beinahe ins Abseits der politischen Debatten. Dieser Rassismus ist unauffällig aber wirkungsvoll.

Der überlebensfähige Rassismus propagiert keinen vermeintlich kulturellen Untergang, der sich auf biologische Unterschiede gründet. Und der überlebensfähige Rassismus ist auch nicht unbedingt organisiert. Er ist höchst individuell. Bedient sich der Rhetorik interkultureller Themen. Immer im Einklang mit dem Geist der Zeit. Er muss nicht einmal politisch aktiv sein. Und ja. Der Rassismus unserer Zeit befällt jede soziale Schicht. Man kann hier schon von einem „rassistischen Paradoxon“ sprechen, bei dem benachteiligte Gruppierungen Menschen aus anderen benachteiligten Gruppierungen abwertend gegenüber stehen. Es sind soziale Schnittmengen, die sich aus diversen Formen der sozialen Benachteiligungen innerhalb einer relevanten Gesellschaft ergeben und die sich zu einer Haltung formieren, um andere zu verurteilen.

Über die Tatsache, dass Betroffenheit nicht vor diskriminierendem Verhalten schützt, schreibt auch die Antonio Amadeu Stiftung. Aber auch darüber, dass sich der Rassismus der privilegierten weißen Deutschen durch Sprecher und Kontext auszeichnet. Dieser fuße, so die Stiftung weiter, meist auf einem geschichtlichen Kontext der Erniedrigung und Diskriminierung. Aber so weit muss ein fremdenfeindlicher Mensch des digitalen Zeitalters nie gehen. Der moderne, den sozialen Gegebenheiten der Gegenwart angepasste Rassismus ist schleichend und perfide. Mal tritt er in Form vollkommen apolitischer Esoterik wie der Anastasia Bewegung auf, mal ist es die harmlose Sorge um die Entwicklungen im gesundheitspolitischen Vorgehen im eigenen Land, hinter dem sich bei genauerem Hinsehen ein komplexer ideologischer Zusammenhang aus nationalsozialistischen Fantasien und reichsbürglerischen Träumen verbirgt.

Aber Eines ist allen gemeinsam: Der softe, stille Rassismus legt es nicht mehr darauf an, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Und dieser Rassismus nutzt die im arbeitswirtschaftlichen, sozialgesellschaftlichen und digitalen Rahmen gegebenen Möglichkeiten, Menschen auszuschließen, die durch ihn als „minderwertig“ eingestuft werden. Niemand der in seinem Innersten fremdenfeindliche Gedanken hegt, muss dies heute mehr offen erwähnen. Als Personalchef kann er Bewerbungen mit sachlich fundierter Begründung ablehnen, als Gruppenleiter in einem Unternehmen kann er den Mitarbeiter von anderen Mitarbeitern mobben lassen und es später auf eine schwammig formulierte Inkompetenz schieben, in der Schule kann er als Lehrer bestimmte Schüler ins schlechte Licht rücken, es durch bestimmte Verhaltensweisen und falsche Kritik demoralisieren oder sogar auch als Schüler einer Klasse böse Gerüchte und Lügen über seinen ausländischen Klassenkameraden verbreiten. Wenn der richtige Impetus sich mit böswilliger Kreativität paart, ist kein gesetzlicher Entwurf in der Lage, handfesten Rassismus zu erkennen oder gar dagegen vorzugehen.

Betroffene akzeptieren meist ihre Situation, gaukeln sich Eigenverschulden vor oder verfallen in depressive Zustände. Das soziale Abseits macht sie zu dem, was rechtsorientierte Gruppierungen in ihrer Propaganda-Rhetorik als Exempel erwähnen. Der stille Rassismus schafft Privilegien. Somit trifft er mit seiner Wirkung auch Menschen, die vollkommen frei von rassistischem Gedankengut sind. Ausgrenzung und Ablehnung eröffnen Unbeteiligten die Möglichkeit, in der Wirtschaft und im Beruf umfänglich von den Aufstiegsmöglichkeiten zu profitieren. Selbst dann, wenn keine geeignete Berufsprofilierung vorliegt. Aber der berufliche Erfolg ist niemals ohne, wenn auch falsche, gesellschaftliche Anerkennung möglich. Denn Zweiterer räumt jegliche Zweifel aus, prägt die Handlung sogenannter Schlüsselpersonen. Denn auch diese stehen unter einem gefärbten politischen Eindruck, der einen relevanten Anteil an wichtigen Personalentscheidungen prägt. Einer markanten gesellschaftlichen Ablehnung werden sich auch solche Schlüsselpersonen anschließen. Wenn sie denn mit bestimmten Ideologien sympathisieren. So gestaltet jede Schlüsselperson für sich die rassistische Arbeitswelt mit. Der Weg für den vielleicht ungewollt rassistisch bedingten wirtschaftlichen Vorteil für nicht betroffene Personen ist geebnet. Die Antonio Amadeu Stiftung spricht hier von einer Partizipation an gesellschaftlichen Ressourcen, von denen Menschen profitieren, die nicht vom Rassismus betroffen sind. Die effektive Bekämpfung des wandelbaren und gesellschaftsfähigen Rassismus erfordert neues vielseitiges Instrumentarium zur Einschätzung und Einordnung rechter Tendenzen in den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Es müssen Units mit speziell ausgebildetem Personal zur Verfügung stehen. Die Unternehmenskommunikation muss der Idee der Menschenwürde einen eigenen Zuständigkeitsbereich gewähren und die Sicherung der Gleichstellung und die Bekämpfung rechter Handlungsmotive muss sich als Erweiterung und Kernkompetenz einer zeitgemäßen Employer Relation verstehen. All das erfordert ein ausgefeiltes System an Studien, umfassender wissenschaftlicher Analysen und speziellem Monitoring. Kurz: Der Bund muss deutlich mehr Gelder zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit jedweder Art stellen.

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14 Antworten auf „Der perfekte Rassismus“

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