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Friedrich Nietzsche. Seine ersten Essays zur Kritik des Zeitgeistes bündelt er in seinem Werk „Unzeitgemäße Betrachtungen“, in dem er eine hypertrophe Selbstverständlichkeit in der deutschen Kultur erkannt haben will. Die zeitgenössischen Akteure dieser Kultur versteht er als „Bildungsphilister“, ihren Hang zur Historie, die bloße Draperie und leere Fassade ist als historische Krankheit. Sein Vorhaben zu Lebzeiten war gewaltig wie auch seine Wirkung in der Welt nach ihm. In „Menschliches, Allzumenschliches“ werden Perspektiven einer Erneuerung der Kultur angedeutet, die gefärbt von der geistigen Atmosphäre Wagners und einer Philosophie unter dem Vorzeichen des Bildungsreformdenkens, eine geradewegs in die Dekadenz steuernde Kultur retten sollen. Der an Gestalt und Bedeutung gewinnende Immoralist in Nietzsches Werken hat die Selbstaufhebung der Moral zum Ziel. Diesen hat das Christentum als 2000-jährige Widernatur zu verantworten und liegt deshalb im Sterbebett.

Die provokative Formel „Gott ist tot“ stellt den Mensch als Gottesmörder und die Vergeblichkeit der Befreiung von Gott als moralische Instanz. Ausgelöst durch den geistigen Anstoß Schoppenhauers, festigt sich bei Nietzsche das Bild einer Welt als Wille und Vorstellung. Das Wille-zur-Macht Philosophem ist geboren. Von da an sollten die Umwertung aller Werte und die Lehre von der ewigen Wiedergeburt des Gleichen seine philosophische Grundstimmung prägen. Ohne Frage gilt er als Lyriker, der die Deutsche Sprache nachwirkend bereichert. Als Dichterphilosoph gelingt es ihm, durch die Aufhebung klarer Grenzlinien zwischen Sprache und Philosophie, einen ihn kennzeichnenden Stil zu prägen und seine Werke durch die eigene symbiotische Schöpfungsquelle zu bereichern. Die immer wiederkehrenden Kopfschmerzen formen seine Laufbahn und nehmen Einfluss auf sein wechselhaftes Leben.

Nach zehnjähriger Tätigkeit als Professor für Philologie und Philosophie entscheidet er sich für ein freies Philosophendasein. Dafür hält er sich abwechselnd im Schweizer Engadin, Italien und Südfrankreich auf. Der Philosoph, um diese Zeit auch als der große Einsame von Sils Maria gefeiert, entscheidet sich für diesen weiteren Verlauf seines Lebenswegs nicht zuletzt aus Gründen des freien Philosophierens, sondern auch wegen zunehmender Verschlechterung seines Gesundheitszustands. Diese Phase seines Lebens, die sich als ein Abbruch der Gelehrtenlaufbahn markieren lässt, bleibt in der postmodernen Beurteilung nicht ungeachtet. Die Deutungen wechseln zwischen einer bewussten Entscheidung für ein nomadisches Leben und eine gemutmaßte Realitätsabstinenz. Eines jedoch lässt sich aus den Werken dieser Zeit sicher sagen: Es sind die Jahre, in denen die intellektuelle Produktivität sich auf dem Zenit seines Lebens befindet.

Als prägender Moment des psychophysischen Zusammenbruchs Nietzsches haben sich in der geistigen Nachwelt die Szenen in Turin eingebrannt, in denen Nietzsche ein von einem Kutscher gequältes Pferd umarmt. Nachher begibt er sich in Extase gefesselt, einem nackten dionysischen Tanz. Die ansonsten vom Willen zur Macht geprägt Philosophie des Denkers geriet hier durch die bildhaft zerbrechliche Haltung gegenüber unmittelbar erlebter Gewalt in den Kontrast einer sonst rücksichtslosen Siegerwelt. Vor allem wohl deshalb fällt sein Erbe dem geistigen Konstrukt der Nazis zum Opfer und dient als intellektuelles Instrumentarium einer menschenverachtenden Weltanschauung. Wiewohl Nietzsche sich selbst zu Lebzeiten in keinster Weise mit rassistischem Gedankengut identifizieren kann, lassen die Nationalsozialisten nichts unversucht, um den Denker zum geistigen Vorreiter ihrer Agitationen zu erheben.

Dabei gibt Nietzsche in seinen Essays klar zu verstehen, dass er innerhalb der gemischten Rassen den „ Quell großer Kulturen“ sieht. Dennoch finden die Nazis im Gedankenmassiv des Denkers Parallelen zu ihrer nationalsozialistischen Terminologie. Nietzsches Schwester Elisabeth Förster Nietzsche widmet sich der Aufgabe, die Nazi-Rezeption mit engagierten Anstrengungen voranzubringen. Nach dem Tod ihres Mannes gründet sie als Nachlassverwalterin ihres Bruders das Nietzsche Archiv. Als hätte Nietzsche es Jahre vor seinem Tod gewusst. Schon früh macht er den arischen Einfluss für das Verderben aller Welt verantwortlich. Er sieht in den Deutschen ebenso eine antijüdische Dummheit. Doch wie kommt es, dass Friedrich Nietzsche, als Dichterphilosoph und Formgeber der deutschen Lyrik zur nationalsozialistischen Kultfigur und geistigen Brandstifter aufsteigt?

Therese deutet die Philosophie ihres Bruders an entscheidenden Stellen Nazi-Konform um. Nietzsches atheistisch geprägt Philosophie, in dem viele Ansätze der christlichen Haltung gegenüber den Schwachen und Wehrlosen widersprechen, harmoniert mit der nationalsozialistischen Idee . Denn Nietzsche zelebrierte den „Willen zur Macht“. Das Mitleiden ist der „Multiplikator des Elends“ und der „ Konservator alles Elenden“. Und die Menschenliebe welche er in seinen Aphorismen propagiert, ist nicht jene der christlichen Nächstenliebe. Für die Schwachen gibt es keinen wortgewaltigen Heroismus, der ihnen einen würdigen Platz in einer Welt des Willens und der Vorstellung würdigt und sie in prächtigen Farben emporhebt. Vielmehr sollen die Schwachen und Mißratnen zugrundegehn….Und man soll ihnen dazu noch helfen.

1886 folgt Elisabeth Bernhard Förster nach Paraguay wo dieser mit ideologisch Gleichgesinnten eine Siedlungskolonie mit dem Namen Nueva Germania gründet. Nachdem Förster mit seinem Vorhaben scheitert nimmt er sich das Leben. 1893 kehrt Elisabeth Förster zurück. 1897 gelingt es ihr über alle Rechte der geistigen Hinterlassenschaften ihres Bruders Friedrich zu verfügen. Über das Nietzsche –Archiv erlangt sie die Deutungshoheit der Werke ihres Bruders und kann nun den unrühmlichen Weg der Werke Nietzsches für eine fatale antijüdische und nationalistische Philosophie unter den Nazis eröffnen. Die Legitimation zur Leitung des Archivs begründete sie mit gefälschten Briefen ihres Bruders, welche an sie gerichtet sind. Elisabeth ist bekennende Antisemitin. Sie sieht das Nietzsche-Archiv unter anderem„in herzlicher Verehrung zum Führer“und in„Verbundenheit mit den Idealen des Nationalsozialismus“.(Richard Oehler: Friedrich Nietzsche und die deutsche Zukunft, 1935). Diese Treue erwidert Hitler in dem er 1935 an der Trauerfeier zur Beerdigung Elisabeth Försters mit vielen Würdenträgern des NS Staates teilnimmt. Dennoch gibt es unter den Nazis viele die schon von Anfang an Nietzsches Rolle als Nazi-Held zweifeln. Unter anderem sind da Oscar Levy, Hans Goebel, Curt von Westernhagen und Wilhelm Michel. Viele von ihnen veröffentlichen Werke, in denen sie ihre Zweifel offenlegen.

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