Wie nur wenige menschengemachte Veränderungen in der Natur, führt uns die Gletscherschmelze vor Augen, wie sich die Folgen des zunehmenden Klimawandels auf die Natur auswirken. Als Verkünder einer bedrohlichen Klimaapokalypse rütteln uns die seit Jahren in den Fachzeitschriften erscheinenden Studien zum Rückzug massenhafter Gletscher immer auf´s Neue auf. Trotz der aufkommenden Hoffnungen auf ein blaues Zeitalter, das durch den Beginn der weltweiten Coronapandemie markiert ist, bringen uns die zuletzt veröffentlichten Studien zur unerbittlichen Wahrheit zurück, dessen Geschichte durch die unachtsame Weltwirtschaft geschrieben wurde.

Die sich immer weiter verschlechternden Indikatoren des Klimawandels sind als Countdown einer nicht auszudenken Folge von Kettenreaktionen zu betrachten, die das Leben auf der Erde immer bedrohlicher machen werden. Bestätigt wurde dies ein weiteres Mal durch eine Studie zur Gletscherschmelze. Diesmal ist sie die umfassendste. Ein internationales Forscherteam unter der Federführung der ETH Zürich und der Université de Toulouse, führte eine detaillierte Studie zum weltweiten Gletscherschwund durch. Mit Ausnahme der Eisschilde Grönlands und der Antarktis umfasst die Studie rund 220.000 Gletscher. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht.

Die Erkenntnisse der Forscher gehen aus Bildern hervor, die das Multispektralinstrument ASTER an Bord des Nasa-Satelliten «Terra» aus 700 Kilometer Höhe aufgenommen hat. Dieser umrundet seit 1999 alle 100 Minuten einmal die Erde. Demnach schrumpften die Gletscher zwischen 2000 und 2019 pro Jahr im Durchschnitt um 267 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) Eis. Auch die Dynamik der Gletscherschmelze hat sich den Studien nach negativ gesteigert. Hatten die Gletscher zwischen 2000 und 2004 noch 227 Gigatonnen Eis pro Jahr verloren, so waren es zwischen 2015 und 2019 298 Gigatonnen pro Jahr. In der Folge verursachte die Gletscherschmelze bis zu 21 Prozent des gesamten Meeresspiegelanstiegs. Die Hälfte des Meeresspiegelanstiegs ist laut den Forschern auf die thermische Ausdehnung des sich erwärmenden Wassers zurückzuführen. Zu den schnellsten schmelzenden Gletschern würden jene in Alaska, Island oder den Alpen gehören, so die Wissenschaftler. Die Situation im Himalaja sei besonders besorgniserregend. Denn wenn die Himalaja-Gletscher weiterhin schrumpfen würden, könnten bevölkerungsreichen Staaten wie Indien oder Bangladesch in wenigen Jahrzehnten Wassernot und Nahrungsmittelengpässe drohen, so der Erstautor Romain Hugonnet von der ETH Zürich und der Universität Toulouse.

Szenarien dieser Art bleiben nicht mehr länger reine Theorie, wenn sich die Weltengemeinschaft nicht möglichst bald zu einem einheitlichen Klimaprogramm entschließt. Und selbst dann wird sich ein großer Teil der schlimmsten Folgen nicht mehr ausschließen lassen. Zumindest drängt sich diese Annahme auf, wenn man sich die wissenschaftlichen Veröffentlichungen der letzten Jahre ansieht. Eine solche ist die Sommer 2020 veröffentlichte weitere düstere Studie zur Veränderung der Gletscher in den Alpen. Seit der Jahrtausendwende, so die aus den Daten von Radarsatelliten gezogene Bilanz, hätten die Gletscher 17 Prozent ihres Volumens eingebüßt. Von 2000 bis 2014 hätten die Gletscher der Alpen 22 Kubikkilometer Eis verloren. Der bildhaft beschriebene Vergleich einer halben Meter dicken Eisdecke, die die gesamte Schweiz abdecken könnte, machte die gewaltigen Zahlen zumindest ansatzweise vorstellbar. Besonders die Schweiz sei vom großen Gletschersterben betroffen. Denn den größten Eisverlust habe man in den Schweizer Alpen festgestellt , so die Forscher. Ihre erschütternden Ergebnisse veröffentlichen die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Die Studie wurde durch Forscher der Universität Erlangen durchgeführt und hatte besondere Schlagkraft in der Fachpresse. Denn zum ersten Mal hatten die Forscher den gesamten Alpenraum untersucht. Hierfür wurden aus den Daten der Radarsatelliten dreidimensionale Modelle der Erdoberfläche erstellt und zusammen mit optischen Satellitenaufnahmen Höhe und Fläche der Gletscher gemessen. Bei einem unveränderten Fortschreiten der Gletscherschmelze durch den Klimawandel, werden in 100 Jahren nur noch winzige Reste von den Gletschermassen in der Schweiz übrig bleiben, so die Forscher damals. Seit einigen Jahren blicken die Wissenschaftler mit großer Sorge auch auf den große Aletschgletscher. Der neben dem Matterhorn größte Eisstrom der Alpen ist eine Naturattraktion, die als interessantestes Touristenziel im Oberwallis gilt. Sein Schmelzwasser versorgt zudem das Rhonetal. Die Berechnungen der Forscher im September 2019 ließen eine Prognose zu, die nicht positiver als jene der Erlanger Forscher war. Am Ende des Jahrhunderts, so das vorausblickende Ergebnis der Berechnungen, werde auch von diesem gigantischen Gletscher nicht mehr viel zu sehen sein, wenn man vom Eggishorn oder dem Jungfraujoch darauf blickt. Dieses Szenario können Guillaume Jouvet und Matthias Huss aus der Gruppe von Martin Funk von der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der ETH Zürich, mit großer Genauigkeit festlegen.

Ihre Äußerungen bezüglich der Zukunft des Aletschgletschers stützen auf eine detaillierte Simulation, in der ein dreidimensionales Gletschermodell die Dynamik einzelner Gletscher aufzeigen konnte. Schon 10 Jahre vor dieser Studie haben die beiden Forscher eine vergleichbare Untersuchung durchgeführt. In ihrer Analyse danach hatten die Forscher mit drei Szenarien gearbeitet, die von unterschiedlichen Veränderungen der CO2-Konzentration in der Atmosphäre ausgingen. Dies führte zu einer ernüchternden Erkenntnis: Selbst wenn die globale Erwärmung, dem Klimaabkommen von Paris entsprechend, unter 2 Grad Celsius gehalten werden könnte, müsse damit gerechnet werden, dass sich der Rückgang des Aletschgletschers bis Ende des Jahrhunderts fortsetzen wird. In der Konsequenz müsse sowohl beim Eisvolumen als auch bei der Länge mit einer Abnahme von mehr als 50 Prozent im Vergleich zu heute gerechnet werden, so die Forscher. Das prognostische Urteil der Wissenschaftler berücksichtigte einen weiteren Faktor in ihrem Szenario. Darin wurde eine realistische Annahme mit einberechnet, dass sich das Klima in der Schweiz bis Ende des Jahrhunderts um vier bis acht Grad im Vergleich zur Referenzperiode 1960-1990 erwärmen wird. Und auch die größten Bemühungen gegen die Gletscherschmelze würden das Gleichgewicht um den Aletschgletscher herum nicht mehr herstellen können. Diese ist gestört. Das macht ein Szenario deutlich, der davon ausgeht, dass das Klima der letzten 30 Jahre beibehält. Und selbst in diesem Fall würde das Eisvolumen bis Ende des Jahrhunderts um mehr als ein Drittel abnehmen. Geht man von einem bleibenden Zustand der letzten 10 Jahre aus, würde nach Angaben der Forscher sogar die Hälfte des Eises verloren gehen.

Please follow and like us:
0
20
Pin Share20

Comments

comments