Nach 20 Jahren Krieg in Afghanistan muss sich die Regierung Biden mit dem Beschluss des verhängnisvollen Abkommens zwischen der damaligen Trump-Regierung und den Taliban herumschlagen. Man versucht sich in ambitionierter Schadensbegrenzung. Zurück bleibt ein geschundenes und verratenes Volk. Die USA, so Biden, hätten nie den richtigen Zeitpunkt für einen Abzug finden können und die Entwicklungen der letzten Wochen hätten bestätigt, dass der Abzug richtig sei. Kein Wort über die Versäumnisse in Planung und Ausführung des Abzugs. Und kein Wort auch darüber, wie Biden sehenden Auges den Zerfall der afghanischen Regierung zuließ. Von der großen Hoffnung auf ein besserer Amerika bleibt nach der Trump-Ära nicht mehr viel.

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Es geschah genau das Gegenteil von dem, was der US-Präsident seinem Volk versicherte. Es sei sehr unwahrscheinlich, so Joe Biden noch am 8. Juli, dass die Taliban die Kontrolle über Afghanistan bekommen würden. Fünf Wochen später gehen die Bilder der katastrophalen Zustände in Afghanistan um die Welt. 83 Milliarden US-Dollar habe die Regierung für die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte ausgegeben, so Biden in einer offiziellen Stellungnahme. Wirklich? Mit Sicherheitskräften sind die Polizei und die Luftwaffe gemeint. Es sind Zahlen, die durch die tatsächlichen Zustände vor Ort nicht bestätigt werden können. Es geht um, dass von den nach offiziellen Angaben 352.000 Bediensteten nur rund 254.000 als tatsächlich Bedienstete bestätigt werden konnten. Die feste Überzeugung des Präsidenten fußt auf eine voreilige Analyse des Geheimdienstes. Einen Widerspruch aus den Mitgliedern der Regierung gegen die Heute eindeutig verfehlte Aussage gab es nicht. Und dennoch: Es gab Bewertungen von weiteren Geheimdiensten, die eine Übernahme durch die Taliban nicht völlig ausschlossen. Und so kam es auch. Die verdrängten Szenarien und der Zusammenbruch traten ein und Erinnerungen an Südvietnam im Jahr 1975 wurden wach.

Dabei hatte Bidens Regierung bis dahin bereits mehrere Ermahnungen erhalten. Es war nicht nur der jüngste Bericht aus dem Büro des Sondergeneralinspektors für Wiederaufbau, der darauf hinwies, dass die Angriffe der Taliban auf Regierungstruppen zunehmen würden. Auch die im April veröffentlichte sogenannte Bedrohungsanalyse des Direktors des Nationalen Geheimdienstes stellte schon fest, dass die Taliban weitere strategische Gewinne im Kampf gegen die afghanische Regierung machen würden. Da hatten die Taliban bereits wichtige Grenzübergänge wie auch zahlreiche Bezirke unter ihre Kontrolle gebracht. Dem Bericht nach hätten sich afghanische Armeeeinheiten geweigert, Operationen ohne die Unterstützung der Sondereinsatzkräfte durchzuführen. Diese Berichte stimmten mit den von früheren überein, die Biden und den vorherigen Regierungen vorgelegt wurden. Auch soll Biden nach Angaben der Washington Post weit vor den Entscheidungen zum Rückzug von General Scott Miller, dem letzten US- und NATO-Kommandeur in Afghanistan, sowie von General Mark Milley, dem Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff, gewarnt worden sein.

Miller stellte gar fest, dass ein Zusammenbruch der Regierung im Falle eines eiligen Abzugs der US-Streitkräfte sehr wahrscheinlich ist. Über 60.000 Getötete in 20 Jahren Krieg. Was einst mit einem Paukenschlag des damaligen US-Präsidenten George Bush gegen den Terrorismus begann, endet nun in der vernichtenden Wahrheit, dass die Taliban nach all den Milliardeninvestitionen der US-Regierung nicht vertrieben werden konnte. Die Rückkehr der Taliban unterzeichnet die Sinnlosigkeit des einst inbrünstig verkündeten Kampfes gegen Jene, die dem amerikanischen Volk schaden wollten. Unwissend, was der verheerende und gegen jedes Kriegsrecht verstoßende Konflikt mit dem Nahen Osten anrichten würde, stellte sich die Welt, getrieben von der Verzweiflung, die durch den 9/11 Anschlag ausgelöst wurde, hinter das amerikanische Volk. Gekämpft haben letztlich mehr Afghanen als Amerikaner. Der Verlust auf afghanischer Seite überwog die der Amerikaner um das 27-fache. Es war das afghanische Volk, das unter der chronischen Unterversorgung durch das amerikanische Militär litt und zunehmend feststellen musste, unter einer korrupten Regierung zu stehen. Letztlich wurde auch dies durch die von der Washington Post veröffentlichten Dokumente bestätigt.

Die Taliban dürften nach dieser historischen Rückkehr fest von ihrer Bestimmung im Land überzeugt sein. Die Zweifel um die Sicherheit im Land begann für viele Afghanen schon früh. Etwa im Februar 2020, als ein Abkommen zwischen der Trump-Regierung und der Taliban unterzeichnet wurde. Dieser sah nicht weniger vor, als den vollständigen Abzug aller amerikanischen Streitkräfte bis Mai 2021 und die Freilassung von 5000 Taliban-Häftlingen. Experten sehen darin den Beginn einer Kettenreaktion, die wohl niemand mehr aufhalten konnte. Der größer werdende Zweifel an der afghanischen Regierung führte dazu, dass afghanische Soldaten empfänglicher für Anwerbeversuche durch die Taliban wurden. Der Kapitulation stand nicht mehr viel im Weg. Unzuverlässige Luftunterstützung, Korruption und schlechte Führung führten zum ungehinderten Aufstieg der Taliban. Da klingt die Bemerkung Biden`s „dass sich dies schneller entwickelt hat als erwartet, wie ein billiger Trost. Mit gleicher Wirkung fügt sich dieser Äußerung das Argument, man habe für jeden Notfall geplant. Was damit konkret gemeint ist, bleibt Biden den Amerikanern und Afghanen schuldig. Trumps eigenhändig zerstörtes Image Amerikas kann auch durch Biden auf keine absehbare Rehabilitation hoffen. Die Geschichte holt Amerika unerbittlich ein und untergräbt die Glaubwürdigkeit einer Supermacht auf unbestimmte Zeit.

Amerika hat versäumt wo es nur geht. Der Evakuierungsplan, die Hilfe für Journalisten und Diplomaten und nicht zuletzt auch Afghanen, die ihr Leben durch die gehaltene Treue gegenüber der USA aufs Spiel gesetzt haben. Jüngst gab Biden auf der offiziellen Webseite der US-Regierung eine gemeinsame Erklärung zur Situation in Afghanistan bekannt, die von 114 Staaten unterschrieben wurde. Angesichts der sich verschlechternden Sicherheitslage unterstütze man die sichere und geordnete Ausreise von Ausländern und Afghanen. Auch werden alle Parteien aufgefordert, diese zu respektieren und zu erleichtern. Die US-Regierung appelliert an die Verantwortung und Rechenschaftspflicht, die diejenigen trügen, die in ganz Afghanistan Macht- und Autoritätspositionen inne hätten. Die Devise lautet maximale Schadensbegrenzung. Von Schutz von Menschenleben und Eigentum ist die Rede. Im Hinblick auf die letzten 20 Jahre unverhältnismäßiger Intervention und unzähligen Kriegsopfern mutet dieser Appell aberwitzig an. Die Vereinigten Staaten, ein Land im dauernden paradox anmutenden Sinneswandel. Ganz entgegen des Empfindens des afghanischen Volkes stellt Biden in der Erklärung fest, dass diese es verdient haben, in Sicherheit, Geborgenheit und Würde zu leben.

Die USA seien vor 20 Jahren mit klarem Ziel nach Afghanistan gereist: Diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die die amerikanische Bevölkerung angegriffen haben und sicherstellen, dass die al-Qaida Afghanistan nicht als Stützpunkt für seine terroristischen Operationen benutzen kann. Eine bestimmte Stelle in der Erklärung zeigt einmal mehr, dass America First ungewollt zum Leitsatz der bevorstehenden Schritte ist: „Unser einziges bestehendes Ziel bleibt heute das was es war: Die Verhinderung eines Terroranschlags auf das amerikanische Land. Schon ist Afghanistan Geschichte. Das geschunden Volk, das vernichtete Land. Der Rückzug bedeutet ein unabwendbaren Machtwechsel für das Land. Unabwendbar, weil es die US-Regierung auch fast so sieht. Biden will klar machen, dass der Rückzug keine Kapitulation bedeutet. Man führe effektive Anti-Terror-Missionen gegen terroristische Organisationen in mehreren Ländern, in denen keine permanente Militärpräsenz bestehe. Notfalls werde man das auch in Afghanistan tun. Die US-Regierung habe nur zwei Optionen gehabt, so Biden. Entweder die Vereinbarungen zum Abzug der Truppen einzuhalten oder aber sich mit der weiteren Entsendung von Truppen in das dritte Jahrzehnt des Konflikts zu stürzen. Nach 20 Jahren habe Biden auf die harte Tour lernen müssen, dass es keinen richtigen Zeitpunkt gäbe, die US-Streitkräfte abzuziehen. Die Entwicklungen der letzten Wochen haben bestätigt, so Biden weiter, dass die Beendigung des Militäreinsatzes die richtige Entscheidung war. Na dann. Gott schütze Amerika.

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