Türkische Tech-Konzerne erhielten in vergangener Zeit milliardenschwere Finanzierungen von ausländischen Investoren. Startups wie Getir, Trendyol oder Hepsiburada sind bereits unterwegs nach Deutschland und werden den Markt unter den Tech-Riesen zweifellos aufmischen und verändern. Warum die Türkei plötzlich zu einem der führenden Länder in Sachen Tech-Konzerne aufsteigen könnte und warum auf Amazon schlechte Zeiten in Deutschland kommen könnten.

In der deutschen E-Commerce-Landschaft herrscht ein übersichtliches Oligopol an Unternehmen, deren Positionen ihnen wohl kein Startup ohne Weiteres streitig machen könnte. Das wissenschaftliche Handelsinstitut Retail, dem rund 800 Mitglieder aus Wirtschaft und Handel angehören, führt eine Liste der Top 100 umsatzstärksten Onlineshops. Den ersten Platz belegt, wie sollte es sonst sein, die weltweit meistgenutzte E-Commerce-Plattform Amazon. Gefolgt von Otto, Zalando und Mediamarkt. Bei einem Jahresumsatz von weit mehr als 300 Milliarden US-Dollar gibt es für die anderen Teilnehmer der Top 100 auf unabsehbare Zeit zunächst keine Möglichkeit, den ersten Platz zu erklimmen.

Nahezu jeder erinnert sich an die apokalyptischen Zeiten zu Beginn der Amazon-Ära, als man den deutschen Einzelhandel am historischen Abgrund sah. Die lang verdrängte weltweite Digitalisierung auf dem Gebiet des Einzelhandels forderte mit einem bedrohlich fortschreitenden Untergang vieler Unternehmen ihren Preis. Man war der Übermacht des amerikanischen Onlinehändlers hilflos ausgeliefert. Unvorbereitet. Niemand wollte das, aber niemand wollte zugleich auf den Onlinehandel verzichten. Tech-Konzerne wie Amazon sind seit jeher die konzeptionelle Vorlage für junge Startups, die gerade aus allen Ecken Deutschlands sprießen und zu turbulenten Marktbedingungen in allen Branchen geführt haben.

Dabei scheint Risikofreudigkeit die wichtigste Grundvoraussetzung für die anvisierte Marktdurchdringung junger Senkrechtstarter zu sein. Denn wo neben Milliardenkonzernen wie Netflix, DisneyPlus und Amazon noch kleine Fische wie Joyn nicht zögern, bereits etablierte Geschäftskonzepte unverändert nachzuahmen, kann vom Fehlen einer ausgewogenen Wagnis und Unternehmenspluralität nicht die Rede sein. Amazon kann das wenig interessieren. Die eisernen First-Mover-Vorteile sind hier ein Garant für den konkurrenzlosen Erfolg eines Jeff Bezos, den die Raumfahrt ohnehin mehr interessiert als der langweilige Onlinehandel. Aber auch diesem Mann kann nicht alles gelingen. Wie ist das gemeint?

Wie in Deutschland, boomt auch in der Türkei die Startup-Szene. Gerade ist der türkische Onlinehändler Trendyol dabei, das wertvollste deutsche Startup Celonis zu überholen. Das in Deutschland noch weitgehend unbekannte Unternehmen Trendyol, dessen Werbung hin und wieder über den Facebook-Feed huscht, könnte Amazon in Deutschland eine große Kundengruppe abnehmen. Türkischstämmige Deutsche sind eine besonders attraktive Zielgruppe für den Onlinehändler, der im März eine Finanzspritze von 350 Mio. Dollar durch Alibaba erhalten hat. In Deutschland lebende Türken werden Amazons Schicksal nicht unbedeutend prägen. Denn diese nutzen bevorzugt Dienste aus der Heimat. Neu ist das nicht. Ähnliches kann auch bei den in Deutschland ausgestrahlten türkischen Sendern beobachtet werden, die seit Jahren wachsende Einschaltquoten aus Deutschland verzeichnen. Fox, Atv, Star und Euro D gehören mit zu den beliebtesten Sendern.

Um den Siegeszug türkischer Tech-Konzerne und dessen Bedeutung für Platzhirsche wie Amazon verstehen zu können, muss man schon etwas weiter in die jüngere Tech-Geschichte dieses aufstrebenden Landes zurück blicken. Zunächst einmal: Das Traditionsbewusstsein und die Nationalliebe der Deutschtürken verpflichtet seit jeher zur Unterstützung türkischer Dienste und Unternehmen. Auf diese Weise feierten türkische Serien Welterfolge und selbst russische und arabische Zuschauer sind von den türkischen Produktionen überwältigt. Zeitungen wie Hürriyet oder Milliyet werden in Deutschland bereits seit Jahrzehnten rezipiert. Aber zurück zur Situation der Tech-Konzerne, dies es sich unmissverständlich vorgenommen haben, die Konkurrenzverhältnisse hierzulande auf den Kopf zustellen.

Man darf dieses seit geraumer Zeit artikulierte aggressiv-wirtschaftliche Gebaren nicht als heiße Luft abtun. Einen vergleichbaren Fehler hat man bereits vor dem Entstehen des türkischen Konsortiums getan, das nun ein marktfähiges E-Automobil konzipiert und gebaut hat. Allein in Gebze, dem türkischen Silicon Valley, arbeiten über 100 ambitionierte Startups daran, die Digitalität neu zu definieren und mit herausragenden Diensten in den von türkischen Tech-Konzernen weitgehend unberührten Markt zu stürmen. Der Anteil der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland ist nicht das einzige, wohl aber sehr wichtige Argument für die Expansion türkischer Startups nach Deutschland.

So kann man bereits jetzt ein Szenario vorzeichnen, in dem Trenyol weitere Millionen Kunden in Deutschland gewinnen wird. In der Türkei jedenfalls hat Amazon nicht die geringste Chance, sich gegen inländische Dienste durchzusetzen. Das türkische Pendant zu Amazon könnte bald mit 16,5 Milliarden US-Dollar bewertet werden, so das Handelsblatt. Zuvor hatte Bloomberg darüber berichtet. Seit 2010 hat der türkische Onlinehändler ein Drittel des E-Commerce-Marktes im eigenen Land erobert. Noch im April diesen Jahres wurde eine Finanzierungsrunde von einer Milliarde Dollar vorgenommen. Erreicht werden konnten 1,5 Milliarden Dollar.

Trendyol ist nur eines von vielen Tech-Unternehmen am Bosporus, die in eine Zukunft mit reichlich frischem Geld blicken. Laut des Online-Magazins Sifted haben Istanbuler Tech-Firmen in diesem Jahr zehn mal mehr Kapital aufgenommen wie im gesamten Jahr zuvor. Dies führte dazu, dass sich trotz politischer Lage, immer mehr ausländische Investoren für junge türkische Digitalunternehmen interessierten. Satte 2,6 Milliarden Euro sollen seit Januar laut der globalen Datenbank Dealroom für türkische Unternehmen gesammelt worden sein. Trendyol ist bereits seit 2018 in der Bundesrepublik aktiv. Noch ist die Macht des wertvollsten türkischen Startups in Deutschland begrenzt.

Die Frage ist nicht ob, sondern eindeutig wann. Auch in der Branche der 10-Minuten-Lieferdienste wird es in Deutschland nicht lange bleiben wie es ist. In den aktuell rasanten Wettbewerb unter den Lieferdiensten mischt sich nun auch der als Pionier seines Gebiets geltenden Getir. Der türkische Lieferdienst wird, wenn man sich aktuelle Zahlen zum Unternehmen ansieht, den Lieferdienst-Markt nicht nur ändern, sondern sehr wahrscheinlich zur Nummer eins aufsteigen. Seit Juni rollen die lilafarbenen E-Bikes in Berlin. Noch vor der Corona-Pandemie, in der ersten Finanzierungsrunde, nahm das Unternehmen rund 38 Mio. US-Dollar ein. Anfang des Jahres weitere 128 Mio. US-Dollar. Der Konzern kommt zum richtigen Zeitpunkt. Zahlen vom Bundesverband für E-Commerce konnten im Sommer bestätigen: Seit Beginn der Corona-Krise etablierte sich der Onlinehandel von Lebensmittel.

Noch ist die Offensive türkischer Startups den meisten Menschen in Deutschland nicht bewusst. Doch fast unbemerkt strecken sich die Arme großer türkischer Tech-Konzerne in Richtung Mitteleuropa. Man darf in jedem Fall gespannt sein, wie sich die Unternehmen in Deutschland den Markt aufteilen werden.

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