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Feuilleton Technologie

Facebook und das Ende eines amerikanischen Traums

Von Halil Celiksoy

Die Meta-Aktie stürzt um 26 Prozent ein und richtet einen Schaden von über 230 Milliarden Dollar an. Für Facebook bedeute dies ein unumkehrbares Verhängnis, das dem sozialen Netzwerk wohl den Todesstoß verpassen könnte. Seit langem schon kämpft Facebook gegen eine rapide abnehmende Nutzerschaft und immer stärker werdende Konkurrenz. Enthüllungsberichte und Datenskandale der Vergangenheit haben Facebook nachhaltige Kritik eingebracht. Hinzu kommt die immer gefährlicher werdende Marktmacht der Kurzvideoplattform TikTok. Durch den sensationellen Sturzflug der Meta-Aktie des Mutterkonzerns ist auch die Rettung durch das neue und vielversprechende Konzept Metaverse dahin. Was bleibt ist eine Geschichte, die sich wohl so nicht mehr wiederholen wird.

Metaverse bleibt unerfüllte Zukunft.

Die Internetbandbreite sei schlicht zu schmal für ein gigantisches Mega-Netz wie Metaverse, dies könnte Jahrzehnte dauern äußerte sich der Silicon Valley-Investor Matthew Ball auf verschiedenen Onlineportalen. Was er gesagt hat ist leicht nachzuprüfen und hat sich in der Geschichte des World Wide Web auch nie anders entwickelt. Das mobile Internet machte seine ersten Schritte bereits 1990. Es hat also über 20 Jahre gedauert, bis Softwarelösungen und Apps mit ihren Funktionsfähigkeiten die Mobiltechnologie der Gegenwart und das Tempo des neuen Wirtschaftslebens formen konnten. Niemand konnte sich damals vorstellen, eine Pizza über das Mobiltelefon zu bestellen oder Überweisungen in Echtzeit zu tätigen. Eine Technologie die das Internet auf neuen Grund stellt, braucht also Jahrzehnte, um für alle Bereiche des Lebens einen greifbaren Mehrwert zu bieten und die Vernetzung für jedes Individuum lebensnah nutzbar machen zu können. Die von Zuckerberg persönlich beworbene quietschbunte Parallelwelt des Metavers ist also ein Blick in die ferne Zukunft. Schon mit Second Life haben wir ein abgebrochene Vision eines Internetzeitalters, das sich nicht bewahrheitet hat. Aber dazu etwas später.

Die Zeit der Tech-Konzerne als Geldmaschinen ist vorbei.

Die Meta-Offensive war als eindringliches Signal gemeint. Als Signal für Alle, die die Tage Facebooks gezählt sehen. Doch die Skepsis lässt sich trotz des schwindelerregenden Hypes um das angekündigte dreidimensionale Internet nicht ersticken. Im Grunde sei es nichts Neues was Facebook auf der Connect 2021 mit Meta vorgestellt hat, hieß es in verschiedensten Online-Fachmagazinen und Foren. Auch wenn man der letzten Ausführung Balls mit der Tatsache widerspricht, dass Facebook selbst als soziales Netzwerk auch nichts grundsätzlich Neues gebracht hatte und damit trotzdem zum Erfolg kam, wird man Ball gerade durch die letzte Entwicklung an der Tech-Börse widerwillig Recht geben müssen. Denn für einen echten American Dream im Stile der Geburt Facebooks bleiben dem Mutterkonzern Meta keine 20 Jahre mehr. Es befindet sich im Sturzflug. Die Aktie fiel um sensationelle 26 Prozent und büßte dabei mehr als 230 Milliarden Doller an Marktwert ein. Die Investoren werden Technologieunternehmen nach diesem geschichtsträchtigen Freiflug ins Tal der Pleite nicht mehr so leicht vertrauen. Das Image von Tech-Unternehmen als Gelddruckmaschinen ist vor allem mit dem jüngsten Eingeständnis Zuckerbergs verlorengegangen, in dem er offen gestand, dass er sich nie dagewesener Konkurrenz ausgesetzt sehe.

Milliardeninvestitionen in Meta werden nun zum Verhängnis.

Im Hauptgeschäft läuft ohnehin schon lange nichts mehr wie es sollte. Im vergangenen Quartal hatte Facebook das erste Mal in seiner Geschichte kaum neue Nutzer gewinnen können. Mehr noch: Die Zahl der täglich aktiven Mitglieder sank innerhalb von drei Monaten um rund eine Millionen. Dabei hatte die hoch polierte neue Dachorganisation Meta seine Vision des dreidimensionalen sozialen Netzwerks jüngst als Meilenstein des Internets angepriesen. Der Mutterkonzern versprach, das Internet sogar abzulösen. Hierhin soll das Soziale Treiben, samt Arbeit und Privatleben komprimiert werden. Mit dem voreilig präsentierten Konzept Metaversum, das in den meisten seiner Bereiche noch vollkommen unausgereift ist, taucht der Nutzer in eine virtuelle 3D-Welt ein, in der sie als Avatare, also graphische Nachstellungen ihrer selbst, spielen, kommunizieren und sogar Handel betreiben können. Meta-Nutzer sollten sich in dieser Welt näher als je zuvor sein. Zwar machten auch die Entwickler von Metaverse über den noch bevorstehenden langen Weg bis zum voll ausgereiften Metaverse keinen Hehl, doch die neuesten Aqusitionen im Bereich KI- und Gamingtechnologie, sollten erahnen lassen, dass es ein Erdbeben in der eigenen Branche geben soll. Aber alles kam anders. Statt eines Erdbebens gibt es ein Erdrutsch. Und der reißt das Unternehmen Meta samt Milliardeninvestitionen in den Ruin.

Das soziale Netzwerk leidet chronisch an einem irreparablen Imageverlust.

Das soziale Netzwerk Facebook schrumpft schneller als die Entwicklung von Metaverse je hätte vorankommen können. Das Vertrauen der Investoren ist so gut wie unwiederbringlich verloren. Schuld daran ist so Vieles, dass es der Konzern selbst nicht überschauen kann. Vor allem aber beim Problemkind Facebook. Da sind die Datenschutzrichtlinien, die trotz mehrfacher Anpassung nicht in das europäische Verständnis eines Datenhandels dieser Größenordnung passen. Da ist Apple, der seinen Nutzern mehr Privatsphäre versprochen und es auch eingehalten hat. Dort muss die Facebook-App wie viele andere auch unmissverständlich fragen, ob ihr Surf-Verhalten für Werbezwecke getrackt werden darf. Das Rückgrat des Facebook-Geschäftskonzepts ist also betroffen. Nur so kann Facebook nämlich lukrative Platzierungen für Werbekunden bieten. Auch verliert Facebook dadurch die Möglichkeit, den Feed individuell auf seine Nutzer zuzuschneiden. Das soziale Netzwerk leidet chronisch an einem irreparablen Imageverlust. Und das zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, in der sich die Marktmacht etablierter Plattformen neu ordnet. Enthüllungsberichte und Klagen haben Facebooks Ruf unwiederbringlich ramponiert. Taktisch gesehen ist der längst überfällige Vorentwurf von Metaverse des Mutterkonzerns eigentlich ein kluger Schachzug. Zum Einen, weil damit der Focus der Verantwortung weg von Facebook hin zum Dachkonzern verlagert wird, so dass die Belastung sich nicht auf Facebook allein konzentriert, zum Anderen, weil hierdurch vom ewigen Leid der datenschutzrechtlichen Fragwürdigkeit auf neue frische Geschäftsideen gelenkt werden sollte. So konnte die Stimmung an der Börse zumindest kurzweilig munter gehalten werden.

Zuckerberg konnte weder politisch noch rhetorisch Überzeugen.

Der Namenswechsel versprach auch eine Art Metamorphose, die das Unschöne der vergangenen Jahre über das weltweit größte soziale Netzwerk vergessen lassen wollte. Auf Facebook wurde die Luft schlicht zu dick. Begriffe wie Datenskandal, Wählermanipulation und Fake-News umreißen die Unternehmensgeschichte der vergangenen 5 Jahre. Geheime Dokumente des Unternehmens die durch das Wall Street Journal an die Öffentlichkeit gegangen sind, verdunkelten das Bild Facebooks weiter. Unzureichende Regulierungen bei Hate-Speech und unterlassene Reaktionen auf gemeldete mutmaßliche kriminelle Handlungen wie Menschen- und Drogenhandel verwandelten das einstige Erfolgsnetzwerk zu einer wichtigen Kommunikationsplattform für das gesetzlose Treiben. Lange hatte man sich auch in Deutschland mit Facebook arrangiert. Hin und Wieder kam die langfristige Unvereinbarkeit des sozialen Netzwerks mit den europäischen Datenschutzrichtlinien durch, aber ernste Folgen auf das Milliardengeschäft mit der datengierigen Maschine hat niemand aus den Riegen der Facebook-Leitung erahnt. Politisch konnte Zuckerberg seine vorgegebenen Bemühungen zur Schadensbegrenzung auch nie glaubhaft machen. Vor allem nicht bei europäischen Datenschützern und Sicherheitsexperten. Und rhetorisch konnte er ebenso kaum überzeugen. Als Mister „i dont´know“ ist er Fragen gewichen oder hat unaufhörlich auf die schon begonnenen unternehmensinternen Untersuchungen und Maßnahmen hingewiesen. Jedoch ohne befriedigende Ergebnisse. Jeder kennt die Bilder aus dem US-Kongress und des EU Parlaments, in denen sich ein überaus nervöser Zuckerberg stundenlangen Befragungen stellen musste.

Facebook ist nur ein amerikanischer Traum von Vielen gewesen.

Der verblasste Geist der Anfänge des sozialen Netzwerks tut sein Übriges. Facebooks Erfolg ist aus seiner richtigen Zeit herausgewachsen. Das Gefühl eine neue Freiheit über Kontinente hinaus zu schaffen ist nur ein Traum von vielen, aus dem kaum zu bremsenden amerikanischen Weltgefühl. Und damals, da waren es Hoodie-Träger und durchzechende junge Studenten, denen der amerikanische Konservativismus nicht mehr als einen kurzen Höhenflug, bedingt durch glückliche Umstände zutraute. Ausgetüftelt in einem Studentenwohnheim, nahm die neue Form grenzüberschreitender Studentenverbindungen dann aber doch seinen lauf um den Globus. Facebook schuf eine neue Sprache für die globale und barrierefreie Interaktion für alle Völker der Erde, an der sich irgendwann auch die ärmsten Menschen beteiligen konnten. Aber die harte Konkurrenz und die zu Geschwindigkeit und Markteroberung verdammte Entwicklung neuer digitaler Produkte trifft den einstigen blauen Marktmonopolisten in der Achillessehne. Schon lange bedrohte und bedroht das Kurzvideoportal TikTok das noch funktionierende Konzept des Sozialen Netzwerks, das einst das Tor zu einer neuen Internetepoche aufgestoßen hatte. Angesagt sind jetzt kurze Videos mit unterlegter Audiospur. Vor allem unter jungen Leuten ist das soziale Netzwerk beliebt. Von Facebook haben die meisten der Nutzer nicht einmal etwas gehört.

Die Internetkultur, die an Facebook gewachsen und sich seit Gründung an ihr genährt hat, ist kaum zu überschauen.

Dabei ist es nicht lange her, dass die Generation zuvor, den Beginn des ekstatischen Gefühls des Überallseins miterleben durfte. Mit Facebook hatte Zuckerberg den Begriff der digitalen Vernetzung auf eine neue Grundlage gestellt. Die globale Facebook-Revolution hatte einst eine neue Internetdimension geschaffen, die die Welt bislang leichter zu verfluchen als zu schätzen wusste. Die Internetkultur die an Facebook gewachsen und sich seit Gründung an ihr genährt hat, ist kaum zu überschauen. Tausende Unternehmen und Künstler haben es erst durch Facebook zu globalem Erfolg gebracht. Schnell haben wir uns daran gewöhnt und die Digitalisierung erweckt immer noch den Eindruck, als wäre sie vom heitern Himmel hinabgestürzt. Dabei hatte das was der durchschnittliche Bürger als Digitalisierung versteht, ihren eigentlichen Beginn mit Facebook gestartet. Jedes noch so abweichende digitale Konzept, dass sich in kleinste Bereiche der Industrie und Gesellschaft hineinstreckt, hat Feuer von Facebook gefangen. Seit Facebook weiß man um die Macht der Datenmassen Bescheid. Und seit Facebook sind Geschäftsmodelle die darauf bauen, keine abstrakten und unvorstellbaren Theorien mehr. Als das Voranschreiten der Digitalität von neuen Kommunikationsformen und wirtschaftlichen Dynamiken sprach, hatte Facebook bereits die Welt und das Potenzial der sozialen Gemeinschaft neu definiert und für sich zu nutzen gewusst.

Facebook hatte neue Formen des politischen Wirkens geschaffen.

Der arabische Frühling und die Gezi-Proteste wurden erst durch die rasante und effiziente Kommunikation und digitale Bewegungsbildungen auf Facebook ermöglicht. Parolen und ideologische Wendepunkte waren nun in der Lage, ein globalpolitisches Feuer zu zünden und ganze Machtstrukturen unter Druck zu setzen. Industrie 4.0 und die digitale Vernetzung der Produktions- und Kommunikationswege haben ihren grundlegenden Anstoß in Sachen vernetzte Kommunikation und Datenmassen durch den digitalen Siegeszug Facebook´s erhalten. Politische Bündnisse, Bewegungen und soziale Gruppierungen haben gesellschaftspolitische Strukturen verschoben, neue Ausrichtungen von global wirksamen Protestbildungen ermöglicht. All das ist auf eigenartige Weise unbrauchbar geworden. Mit Meta sollte nicht das Konzept, sondern die unmittelbare Umgebung des Nutzers verändert werden. Eine begehbare Welt im Dickicht der Daten. Eine Steigerung in der ohnehin undurchsichtigen digitalen Verstrickung eines jeden Individuums. Die Idee ist, entgegen der hingebungsvollen Ankündigungen Zuckerbergs von etwas Neuem, gar nicht so neu. Vorangegangen ist der Linden Lab-Gründer Philip Rosedale mit Second Life. Trotz hoher Nutzerzahlen des einst begehrten Vorgängers, das im Jahr 2013 36 Millionen Registrierungen zählte, schrumpfte die Mitgliedschaft bis 2017 auf 800.000 Nutzer. 57 Millionen registrierte Accounts wurden zum 15-jährigen Jubiläum im Juni 2018 durch Linden Lab, dem Betreiber der 3D-Welt-Simulation angegeben.

Ein Interneterfolg wie es Facebook möglich war, kehrt nie wieder zurück.

Und dennoch. Von einem Meilenstein des Internets kann heute keine Rede sein. Das Konzept einer Parallelwelt, wie es damals angesichts des Hypes um Second Life nahezu unerschöpfliche Vorstellungen einer Cyber-Welt annahm, ist nicht eingetreten. Dieses Argument verblasste allerdings kurz bei dem Gedanken, dass der Siegeszug Facebooks zu einer Zeit kam, in der der Begriff Social-Media kein fremdes Wort war. Denn bereits 2002 konnte das soziale Netzwerk Friendster so genutzt werden, wie wir es von den Plattformen heute kennen. 2006 kam das deutsche soziale Netzwerk Lokalisten. Die Plattform war so erfolgreich, dass die ProSiebenSat1 Mediengruppe bereit war, Lokalisten im Jahr 2008 für 30 Millionen Euro zu übernehmen. Dennoch. Dieser kurze Glücksmoment in den Geburtswehen der Digitalisierung sei Facebook diesmal nicht vergönnt. Auch wenn gescheiterte Dienste der frühen Zeit des Internets aufleben konnten, ist es in der Gegenwart anders gelaufen. Meta hat an Glaubwürdigkeit verloren. Zuckerberg hat so Vieles in seinen Berechnung nicht miteinbezogen. Der rasante Wettbewerb unter digitalen Plattformen war auch demjenigen zu schnell, der den Beginn dieser Geschichte geschrieben hatte. Zuckerberg wollte vermutlich nicht einmal Second Life aufleben lassen. Mehr als im Metaverse herumschwirrende Avatare in einer Parallelwelt der unbegrenzten Möglichkeiten, wollte Zuckerberg das Kapitel Facebook im Licht seiner neu geschaffenen Parallelwelt strahlen lassen. Eine makellose Linearität für eine perfekte Silicon-Valley Geschichte schaffen. Jährlich 10 Milliarden Euro ist bislang in die Softwareentwicklung geflossen. Zuckerberg war sich immer sicher: Facebook kann und soll mehr können. Längst überfällig war es also, sich aus dem Kugelhagel der größten internationalen Instanzen in Sicherheit zu bringen. Fehler kamen und wurden vergessen. Mit diesem einen letzten Fehler wird er vermutlich untergehen.

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