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Feuilleton

Frau oder Weiblichkeit? Was der Feminismus vergessen hat.

Hi. Ich bin Halil. Und ich denke gerne für die, die es nicht tun:)

Die Rhetorik erlaubt den Vergleich zwischen Rakete und Penis

Solange gesellschaftlich brisante Fragestellungen nicht durch rhetorische Abenteuerausflüge ad absurdum geführt werden, bin ich jederzeit bereit, einige meiner möglicherweise festgefahrenen Sichtweisen einer zeitgemäßen Revision zu unterziehen. Doch die bunte Draperie der Social-Media-Trendsetter, deren Output ohne Umwege in die höchste Liga der Tagespolitik katapultiert wird, findet selten Zeit, um Verstand und Vernunft zu erreichen. Kaum entsteht die Idee einer revolutionären Veränderung, die dem Menschen Besseres verspricht, steht das Warum und Weshalb jedweder oppositioneller Haltung unter der unerbittlichen Androhung ausgesuchtester Sanktionen, die eine gelungene Hybriderscheinung aus medialem Shitstorm und chronischer Ausgrenzung aus dem feuchtfröhlichen und immer harmonierendem Mainstream ist. Wer will da schon den Finger heben, um dann einer ungeahnten Bedrohung ausgesetzt zu sein? Und Rhetorik ist ja so eine Sache. Beinahe verspricht sie uneingeschränkte Freiheit und deutlichen Meinungsvorsprung demjenigen, der die Gewalt der Syntax kunstvoll zu inszenieren weiß. Man muss nur bereit sein, jeden politischen Antagonismus in den Geist der eigenen ehrgeizigen Unternehmung mit wohlwollendem Gebaren zu integrieren. Und so fügt sich Wort an Wort auch die absurd klingende Forderung von Lucia Hartmann, der Leiterin von WBF Aironautics. Was wie eine Raumfahrtbehörde klingt, ist ein Projekt, das die Gleichstellung jenseits der Erdatmosphäre befördern soll. Gelassen erklärt Hartmann in kurzen Sätzen das globale Wirrwarr in dem die Welt stecken würde. Öl- und Strompreise würden steigen und die Klimakrise bedrohe unsere Existenz. Zu allem Übel flögen Milliardäre in Raketen, die wie das männliche Geschlecht aussehen würden.

Der Feminismus wird zum intergalaktischen Problem

Stopp. Wie war das? Kurz dachte ich, es würde um Klima, Völkerfrieden und soziale Verantwortung gehen. Hartmann fährt fort: „Für uns hat dies einige sehr wichtige Fragen aufgeworfen. Sollte Platz nicht für alle da sein?” Nach diesen Sätzen musste ich kurz inne halten. Liegt es vielleicht daran, dass ich ein Mann bin, der die „Penisform“ der Rakete mit astrophysikalischen Bedingungen erklären kann? Aber auch da setzt Hartmann geschickt an: „Und ist eine phallisch geformte Rakete wirklich der beste Weg, um dorthin zu gelangen?“ In mir steigt ein übler Verdacht auf. 65 Jahre lang hatte sich die Raumfahrt geirrt. Man wolle die Gleichstellung der Geschlechter im Kosmos wieder herstellen. Nach einigen eindringlichen Sätzen wie diesen, ragt es dann auch aus dem dunklen All ins Bild: Ein Raumschiff, das der Allerheiligsten einer Frau ähnelt. Eine Vulva als Raumschiff, wie man sie nicht hätte besser designen können. Ein Meilenstein der Emanzipation? Kaum haben feministische Bestrebungen ihre ersten irdischen Erfolge erzielt, exploriert die Idee universeller Weiblichkeit auch schon jenseits der Erdatmosphäre. Ich komme nicht um die Äußerung eines intergalaktischen Problems, welches von Visionär*innen wie Hartmann ganz kühl ignoriert wird. Die Herausforderungen des Feminismus sind universell…nicht zu verwechseln mit Universum. Aber wo selbst die Physik in die Knie gezwungen wird, kann meine Meinung nur eine Phrase wie jene von Johannes Roscelin sein, ein flatus vocis, der als Lufthauch der Stimme im All verschwindet.

Begriffe sind nicht nur Begriffe

Apropos universell. In der Geschichte der Philosophie fing eine Fragestellung Feuer, an der sich die größten Denker entlang der ganzen Antike und Aufklärungsgeschichte beweisen wollten. Der Universalienstreit. Damals knüpfte sich an diesen philosophischen Disput die Frage, was denn nun wirklicher ist. Das Allgemeine oder die Einzeldinge. Ich war immer fest davon überzeugt, dass der Feminismus für die Frau als Individuum, ausgestattet mit allen Naturrechten, kämpft. Also die Frau vor der Weiblichkeit. Seit Platon und Aristoteles hat sich die Frage im Universalienstreit scheinbar immer noch nicht beantwortet. Nun, da irdische Probleme in den Kosmos expandieren, muss es konsequenterweise auch mit dem alten Universalienstreit so sein. Paradox mutet der Kampf für die „Weiblichkeit“ insofern an, als dass es in der Geschichte stets Allgemeinbegriffe waren, die ausbeuterische und korrupte Herrschaften ermöglichten. Und Begriffe sind nicht nur Begriffe. Sie erquicken auch mal zum Leben, wie in diesem Fall durch Raketen und bedingungslose Weiblichkeit im Kosmos. Schön daran ist lediglich, dass man Universalien eine vom menschlichen Verstand unabhängige Existenz zuschrieb. Den Allgemeinbegriffen wie Menschheit, Weiblichkeit und Ästhetik wurde eine Existenz über die Greifbarkeit hinaus zugeschrieben. Dem schließt sich die Konsequenz an, dass der Mensch, die Frau oder eben das konkret Schöne nur insofern real sind, als in ihnen die kennzeichnenden Merkmale des Allgemeinen zum Vorschein treten.

Die moderne Debattenkultur wird zur Dekadenz

Und schließlich bleibt zu sagen, dass in der Logik, welches für die Einzeldinge spricht, die Frau über der Weiblichkeit steht. So wie auch der Mensch über der Menschheit. Genug geschwafelt. Ich will ja nur sagen, dass es im Feminismus mehr um die Frauen gehen sollte, als um Symbole oder allgemeine Begriffe, die sich verkrampft in den gegenwärtigen Tech-Wahn hineindrängen. Und zuletzt sei erwähnt, nur um mal das mittelalterliche Denken des heutigen Feminismus zu verdeutlichen, dass die Kirche in der voraufklärerischen Zeit ihren Machtstatus nur durch Universalien aufrechterhalten konnte. Allgemeinbegriffe konnten also, wenn man eine lineare Menschheitsgeschichte vor Augen hält, in keiner Weise dem Fortschritt dienen. Auch wenn man es nicht glauben will. Die Vertreter dieser These nannten sich zu ihrer Zeit Realisten. Heute verstehen wir darunter das Gegenteil. In diesem Sinne bin ich Realist, der den Vergleich zwischen Penis und Rakete als fatale Dekadenz in der modernen Debattenkultur betrachtet. Und der Feminismus als politische Form des Widerstands wird sukzessive unerträglich. Unerträglich, weil sie die Essenz der Wirklichkeit verlässt und Barrieren schafft, die es zuvor nicht gab. Oder gibt es ein Gesetz, dass eine Frau daran gehindert hätte Astronautin zu werden? Ich will ja auch, dass es der Frau von Heute besser geht. Aber so steht die Zukunft wohl eher in den Sternen geschrieben.

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